Serdar Somuncu Mit Florett und Presslufthammer

So geht Serdar Somuncu: Er redet über Verteilungsgerechtigkeit und inszeniert dann ein Casting für rumänische Bettelbanden.

(Foto: Karlheinz Schindler/dpa)

Serdar Somuncu ist der härteste Humorarbeiter Deutschlands. Er hat "Mein Kampf" rezitiert und beleidigt wirklich jeden. Nun will er Kanzler werden.

Von Claudia Fromme

Die Männer an der Tür machen nur ihren Job. Eine Frau im Fellkragenparka wedelt mit ihrer Eintrittskarte, schiebt sich nach vorn. Tasche bitte auf, bei der Kollegin. Haarspray? Gibt's nachher wieder. Aha, fragt die Studentin mehr, als dass sie es sagt. Zu verhandeln gibt es hier nichts, bedeuten die Sicherheitsleute höflich und stellen die Spraydose auf einen Tisch, der bereits randvoll ist mit anderen Gefährdern. Deo, Haarlack, so etwas.

Nächster! Ein Mann zeigt seinen Rucksack vor. Ein ganzer Hinterschinken mit Bein? Was wollen Sie hier damit? Eben gekauft? Na ja. Kann drinbleiben. Aber die Schokokugeln, die lassen Sie hier.

So schlimm? Schlimmer, sagt der Sicherheitsmann vor der Siegerlandhalle und blickt nachsichtig, so als benenne er Offensichtliches. Hält man ein Feuerzeug an das Spray, sagt er, wird es zum Flammenwerfer. Oder die Kugel: Wurfgeschosse. Sie sollen genau hinschauen, sagt er, war die Ansage, heute noch genauer.

So ist das also gerade, wenn ziemlich brisanter Stoff dargeboten wird: Humor.

Serdar Somuncu tritt gleich auf, hier in Siegen, fast in der Mitte Deutschlands, an einem kalten Dezemberabend. Ein Humorarbeiter, 48 Jahre alt, in Istanbul geboren, im Rheinland aufgewachsen.

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Viele kennen ihn von der "Heute-Show" im ZDF, da schwillt ihm stets der Hals. Oder als Gast bei "Hart aber fair", da sitzt er oft neben Edmund Stoiber. Oder als kürzlich annoncierten Kanzlerkandidaten der Satirepartei "Die Partei". Oder von der Bühne. Da gibt er den Hassprediger, den Denker, den Arsch.

Er ist nicht mit einem Kaya-du-kommst-hier-nicht-rein-Yanar zu verwechseln und noch weniger mit einem Mario-ick-sach-ma-so-Barth. So platt ist er nicht. So nett auch nicht.

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Somuncu zieht in Siegen über Lesben, Schwule, Christen, Juden, Muslime, Kinder, Frauen, Männer her. Über Radfahrer, Facebooker, Politiker. "Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung", sagt er auf der Bühne, braunes Shirt, braune Hose, er streicht sich über den Bauch, die Glatze glänzt. "Indem ich jeden beleidige, kann sich keiner angesprochen fühlen."

Fehlt noch jemand?

Der Auftritt wird noch eine Viertelstunde dauern, da schickt sich ein Mann in der ersten Reihe an zu gehen. Somuncu fragt: "Du gehst?" Der Mann lacht. Somuncu erkennt ihn: "Du bist das!" Ein Fan aus Hamburg, der zu vielen Auftritten kommt. Somuncu umarmt ihn herzlich von der Bühne herab, lobt seine Treue. "Warum gehst du?", fragt er. "Muss meine Freundin abholen", sagt der Mann, winkt dem Publikum zu und steuert den langen Weg zum Ausgang an, was ihn anstrengt.

Er ist körperlich und geistig behindert. Die Herzen der Menschen im Saal sind nun warm, echt netter Typ, dieser Somuncu. Der wartet, bis die Saaltür ins Schloss fällt und fragt: "Seit wann lassen die Mongos rein?"