Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung Die Krippen-Lüge

Job, Familie, Bildung - die Krippe soll es richten.

(Foto: Christian Endt)

Von August an haben Eltern einen offiziellen Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung. Dann, so glauben viele, wird alles gut: die Integration, die Bildung - und die Gleichberechtigung sowieso. Bedauerlicherweise ein großer Irrtum.

Von Alexandra Borchardt

Man könnte meinen, endlich haben sie verstanden. "Wir brauchen mehr Krippenplätze", das sagen mittlerweile der Top-Manager, der Parteifunktionär, der Verbandssprecher, alle Frauen sowieso. Der Chef redet davon, der Dorfbürgermeister von der CSU, selbst Peer Steinbrück klingt überzeugt, seit er nicht mehr Finanzminister ist. Eigentlich fehlt nur noch der Papst. Man könnte aber auch misstrauisch werden. Warum tun plötzlich besonders viele Männer so, als wäre ihnen der Krippen- oder Kitaplatz ähnlich wertvoll wie früher nur eine Jahreskarte für FC-Bayern-München-Spiele? Und warum kennen Frauen mit Kinder- und Karrierewunsch kaum ein anderes Thema?

Weil es so schön wäre. Es wäre so angenehm, gäbe es diesen einen, diesen magischen Hebel, den man umlegen könnte, und manches würde verschwinden: etwa die leidige Diskussionen mit der Liebsten darüber, wer nach der Geburt wie lange die Arbeit ruhen lässt; oder die Debatte über ihr niedrigeres Gehalt und die Karrierebremsen im mittleren Management. All das eben, was Frauen unzufrieden und Männer ratlos macht.

Ganz davon abgesehen, dass Krippen auch noch dafür sorgen sollen, dass Einwandererkinder am Tag der Einschulung fehlerfrei Deutsch reden und sich die Söhne und Töchter aus Berlin-Grunewald mit jenen aus Berlin-Neukölln zumindest theoretisch von der gleichen Startlinie aus auf den Weg durchs Alphabet machen können. Schon bereiten Eltern Klagen vor, wenn es die Gemeinden bis August dieses Jahres nicht schaffen, den gesetzlich garantierten Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz zu erfüllen. Der Staat soll mal machen, und das schnell.

Das kann nicht gutgehen, das wird nicht gutgehen. Eltern und Politiker erwarten zu viel. Denn selbst wenn im August sämtliche Leons und Lauras in Deutschland ihre Rucksäcke morgens auf einer TÜV-geprüften Holzbank im "Regenbogen" oder "Spatzennest" ablegen können, wird die Wirtschaftswelt noch lange nicht zum Frauen- und Familienparadies.

Um das gleich abzuhaken: Krippenplätze müssen sein, denn ohne Kinderbetreuung geraten viele Familien in wirtschaftliche Not. Und es schadet Kleinkindern nicht, wenn jemand anderes als ein Blutsverwandter sie wickelt, tröstet und ihnen Kartoffelbrei hinstellt, vorausgesetzt, dieser jemand ist nicht jeden Tag ein anderer.

Aber je intensiver die Debatte allein um Krippenplätze kreist, umso weniger geht es um die entscheidenden Themen. Dazu gehört die (Neu-)Verteilung der Rollen zwischen Mann und Frau - sowie die Frage, die sich an die Unternehmen richtet: Was sind mir meine Mitarbeiter wert? Und es stellt sich auch eine Frage, die jeder für sich beantworten muss: Wie viel - und zwar nicht unbedingt in Euro und Cent berechnet - ist mir mein Kind wert? All das sind Dinge, die kein Familienministerium klären kann. Eltern haben die Verantwortung für ihre Kinder, nicht der Staat.