Ratgeber "Vier von fünf Beziehungen müssten sofort aufgelöst werden"

Der Autor Thomas Meyer glaubt, dass die meisten Paare aus Feigheit zusammenbleiben. Er selbst hat sich kurz nach der Geburt seines Sohnes von seiner Partnerin getrennt.

Interview von Reto Hunziker

Herr Meyer, sind Sie in einer Beziehung?

Nicht mehr, nein.

Ich frage, weil Sie an einem Buch mit dem Arbeitstitel "Trennt euch!" schreiben, in dem Sie die heilende Wirkung der Trennung propagieren. Wie kommen Sie dazu?

Ich beobachte, dass viele Menschen Beziehungen führen, die ihnen nicht guttun. Doch statt Schluss zu machen, harren sie aus und versuchen, ihren Partner dazu zu bringen, sich so zu verhalten, wie sie es gern hätten. Das führt zu noch mehr Leid, denn man hört ja nicht plötzlich auf, man selbst zu sein. Mir tut es weh, das mitanzusehen. Warum gibt man einander in dieser Situation nicht frei?

Vielleicht, weil man sich noch liebt und Hoffnung besteht?

Liebe allein ist kein Argument dafür, eine Beziehung weiterzuführen. Man muss auch zusammenpassen. Ist das nicht gegeben, leiden beide, und da kann man lange hoffen, es wird sich nie ändern.

Wann passen zwei Menschen zusammen?

Wenn sie sich in den wesentlichen Aspekten des Lebens ähnlich sind, also punkto Humor, Intelligenz, Sexualität, Weltanschauung und Gemütsart. Zwei, die sich ähnlich sind, verstehen sich. Dieses Verständnis ist die Grundlage für eine Beziehung und nicht die Zuneigung, die sowieso gegeben ist. Sonst läge man ja nicht miteinander im Bett.

"Ein Ehering gehört nicht in die Sporttasche!"

Sie trägt den Ehering nur sporadisch, weil sie ihn schonen will. Er sieht darin ein Zeichen für eine aufkommende Krise. Von Violetta Simon mehr ... Paarkolumne "Er sagt, sie sagt"

Schmetterlinge im Bauch sind also sekundär?

Wir suchen uns nicht aus, in wen wir uns verlieben. Aber wir können uns aussuchen, mit wem wir zusammen sind. Gegenseitige Anziehung reicht für ein langfristiges Zusammensein nicht aus. Dennoch deuten wir sie als ein Indiz für eine stabile, sorgenfreie Zukunft.

Sie finden also, wir sollten selbst im Verliebtseinszustand den Verstand walten lassen?

Ich sage nicht, dass wir unsere Gefühle kontrollieren sollen. Aber wir dürfen uns nicht derart von ihnen davontragen lassen. Stattdessen sollten wir den Menschen, der uns gefällt, genau fragen, was ihm in einer Beziehung wichtig ist. Und uns selbst immer wieder die Frage stellen: "Tut mir das gut?"

Eine Partnerschaft bedingt doch Kompromisse.

In der Beziehung müssen Sie Kompromisse machen, klar. In der Partnerwahl dürfen Sie das aber nicht. Das ist ein fauler Handel, für den man am Ende immer zahlt.

Wie viele solcher Beziehungen gibt es in Ihren Augen?

Ich schätze, dass vier von fünf Beziehungen sofort aufgelöst werden müssten, weil sie den Betroffenen nicht guttun.

Woher weiß ich, ob meine Partnerin und ich in einer Sackgasse stecken oder bloß an uns arbeiten müssen?

Wenn man ehrlich ist, weiß man sehr genau, ob man gehen muss. Aber die meisten haben Angst vor den Konsequenzen. Es würde ja bedeuten, sich eine neue Wohnung zu suchen, die Kinderbetreuung aufzuteilen und wieder allein zu sein. Auch haben viele ein schlechtes Gewissen und denken, sie hätten versagt. Und immer wieder kommt das seltsame Investitionsargument: "Jetzt habe ich schon so viel Zeit und Energie in diese Beziehung gesteckt."

Sie reden von Leidensdruck. Der ist aber individuell.

Das stimmt. Ich finde aber, er ist allgemein zu hoch. Menschen halten sich viel zu lange in Beziehungen und an Arbeitsstellen auf, die ihnen nicht guttun. Sie legen sich ihre Misere immer wieder neu zurecht und hoffen, es werde bald besser, ohne jedes Zutun. Das tut es aber nie. Wieso auch?

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Ist Ihre Sichtweise nicht etwas fatalistisch?

Nein, bloß ehrlich. Ich habe mich von der Mutter meines Sohnes getrennt, als er vier Monate alt war. Das war extrem schwierig. Von links und rechts hieß es, ich könne doch "nicht jetzt schon aufgeben". Ich fragte: "Wie, jetzt schon?" Mein Bedürfnis war ein Leben in Freude und Frieden, und dieses Bedürfnis ist höher zu gewichten als die sogenannte intakte Familie.

Früher oder später schleicht sich der Alltagstrott in eine Beziehung ein, und es stören einen Eigenheiten am Partner, die man vorher noch niedlich fand.

Was Sie beschreiben, passiert, wenn man zusammenwohnt und jede Nacht im selben Bett schläft. Da geht man sich zwangsläufig irgendwann auf die Nerven. Wie soll man sich auch aufeinander freuen, wenn man ständig zusammen ist? Hierbei geht es aber nicht um die Frage, ob man zueinander passt oder nicht, sondern um unsorgfältige Beziehungsführung.