Preis für männliche Vorbilder Engagierte Väter erhalten Auszeichnung - zu Recht

Ein Unternehmen ehrt zwei "Spitzenväter" mit einem Preisgeld von 5000 Euro. Familienministerin Schwesig gratuliert. Doch manche empören sich. Warum eigentlich?

Kommentar von Oliver Klasen

Sind Patrick Neumann aus Hannover und Christoph Paas aus Köln vorbildliche Familienväter, die für ihr Engagement bei der Kindererziehung und für ihre Arbeit im Haushalt mit einem 5000-Euro-Preis ausgezeichnet werden sollen?

Ja, sagt das Familienunternehmen Mestemacher aus dem nordrhein-westfälischen Gütersloh. Der Backwarenhersteller zeichnet mit Unterstützung durch das Familienministerium jedes Jahr die "Spitzenväter des Jahres" aus. Das sollen Männer sein, "die sich als Väter mit großem Engagement für ihre Kinder einsetzen und ihrer Partnerin den Rücken freihalten, damit diese in ihrem Beruf vorankommen kann", heißt es auf der Website des Unternehmens. Patrick Neumann und Christoph Paas verkörpern dieses Ideal nach Meinung der Preisstifter nahezu perfekt. An diesem Freitag ist die Ehrung in Berlin feierlich zelebriert worden.

Ja, sagt auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig, die Schirmherrin des Preises: "Diese Väter sind Vorbilder und leben eine moderne Familienkultur, die sich immer mehr Paare wünschen. Denn Vater sein ist mehr, als am Abend die Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Hier geht es darum, sich die Erziehungsarbeit partnerschaftlich zu teilen. Das ist leider noch nicht selbstverständlich".

Nein, sagen viele Kommentatorinnen und Kommentatoren - ja, auch die gibt es - auf Twitter. Hier eine kleine Auswahl empörter Reaktionen auf den "Spitzenväter"-Preis:

Nun kann man sich tatsächlich wundern über die etwas unglückliche Verkaufe der vermeintlichen Spitzenväter. In der Pressemitteilung zur Preisverleihung erfahren wir, dass sich Neumann, Referent beim Landessportbund Niedersachsen, "im Schnitt siebeneinhalb Stunden am Tag um seine beiden Söhne" kümmert und "seiner Partnerin das berufliche Fortkommen" ermöglicht. Außerdem ist zu lesen, dass Instrumentenbauer Christoph Paas seit der Geburt der ältesten Tochter "bis heute Beruf und Elternzeit vereint".

Siebeneinhalb Stunden Kümmern? Beruf und Elternzeit vereinen? Tun das nicht Millionen von Müttern, ohne dafür je mit einem Preis als "Spitzenmutter" ausgezeichnet zu werden?

Ja, tun sie.

Aber es geht noch weiter im Text: Paas übernehme "alle Teilaufgaben, die üblicherweise von Hausfrauen erledigt werden. Aufgewachsen mit sieben Schwestern kennt sich Christoph nicht nur wunderbar mit Hautcremes aus, er weiß auch um die Stärken des sogenannten schwachen Geschlechts".

Wie bitte?

Ja, das ist so formuliert, als lebten wir im Jahre 1956 und nicht im Jahre 2016. Ja, vielleicht zeigt sich hier der Unterschied zwischen gut und gut gemeint. Und ja, man darf fragen, ob man offensiv zur Schau gestelltes, fürsorgliches Vatersein immer gleich als Sensation abfeiern muss.

Andererseits: Gibt es nicht auch Extra-Preise und spezielle Förderung für Ingenieurinnen, Informatikerinnen, Industriemechanikerinnen - und das völlig zu Recht? Frauen sind in diesen Berufen stark unterrepräsentiert. Damit sich das ändert, müssen weibliche Vorbilder in die Öffentlichkeit geschoben werden - erfolgreiche Frauen, an denen sich Schülerinnen und Studentinnen orientieren können.

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Möglicherweise gilt das auch für Männer: Weil diese in puncto Windeln wechseln, auf Elternabende gehen, Bad und Küche putzen, zum Zahnarzt begleiten, die kranke Oma pflegen - also bei allem, was man heute Care-Arbeit nennt - bisher unterrepräsentiert sind, braucht es Vorbilder: treusorgende Väter, an denen sich andere Männer, die da noch Nachholbedarf haben, orientieren können.

Wer mag, kann sich ja mal im erweiterten Bekanntenkreis umhören, wie viele Paare es gibt, die sich Erwerbs- und Familienarbeit wirklich fifty-fifty teilen. Ob das nur an Macho-Männern liegt, die sich bequem zurücklehnen (die gibt es) oder vor allem an sich hartnäckig haltenden Rollenbildern, in denen letztlich beide Geschlechter gefangen sind, ist noch mal ein anderes Kapitel.

Seien wir ehrlich: Noch sind wir nicht so weit, dass siebeneinhalb Stunden Kinder- und Hausarbeit ein realistischer Durchschnittswert für den in Deutschland lebenden Mann sind.

Wenn wir so weit sind, können wir den Spitzenväter-Preis gerne abschaffen.

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