Plädoyer für Abkehr von der Glücksmaxime Lernt, unglücklich zu sein!

Jeder will glücklich sein. Doch innere Zufriedenheit wird überschätzt. Sie macht träge und ist wenig schöpferisch. Warum sonst kommen große Ideen und Werke so selten von denen, die schon alles haben? Die größten Leistungen der Menschheit sind nicht aus dem Glück erwachsen, wir haben sie den Unglücklichen und Unzufriedenen zu verdanken.

Ein Gastbeitrag von Wilhelm Schmid

Alle reden vom Glück. Weil alle glücklich sind? Eher nicht. Und wie geht es den Unglücklichen? Sie leiden gleich dreifach: Erstens sind sie unglücklich. Dann müssen sie sich noch Vorwürfe darüber anhören, dass sie es sind, dass sie sich wohl mutwillig dem Glück verweigern. Schließlich sind sie allzu gerne bereit, sich selbst Vorwürfe zu machen: Vielleicht haben sie ja die vielen Glücksratgeber nicht sorgfältig genug gelesen. So findet ihr Unglücklichsein keinen Platz in ihrem Leben: "Alle Anderen sind doch glücklich", fragen sie sich, "warum ich nicht?"

Weil das Leben eben auch das Unglücklichsein kennt. Es ist meist keine Frage der freien Entscheidung, unglücklich zu sein oder nicht. Es ist auch nicht einfach nur ein fehlerhafter Zustand, der beliebig korrigiert werden könnte. Und so ist es an der Zeit, nicht mehr nur ein Unglück im Unglücklichsein zu sehen: Hat sich schon einmal jemand gefragt, wie es um die Menschheit stünde, wenn in ihrer Geschichte nur Glück und Zufriedenheit geherrscht hätten? Wahrscheinlich säßen wir dann noch immer auf den Bäumen. Manche werden sagen, wäre auch gut so. Aber es ist zu spät für ein Zurück.

Die Fixierung auf das Glück hat in jüngerer Zeit dazu beigetragen, den Wert des Unglücklichseins aus den Augen zu verlieren. Denn auch darin besteht die Stärke der Menschen: Das Unglücklichsein macht sie kreativ. Für viele bedeutet Glück Zufriedenheit, aber die ist wenig schöpferisch. Warum sonst kommen große Ideen und Werke so selten von denen, die schon alles haben?

Das Geschenk der Unglücklichen an die Gesellschaft

Die größten Leistungen der Menschheit sind nicht den Glücklichen und Zufriedenen zu verdanken. Nicht sie haben die Französische Revolution veranstaltet. Auch Beethoven muss man sich nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen. Die wenigsten Werke der Kunst, auch der Technik, entstanden aus Zufriedenheit.

Die Stärke der Unglücklichen ist ihre Sensibilität, ihr Gespür für den Sinn und für dessen Fehlen. Darin besteht ihr Geschenk an die Gesellschaft. Sie wenden sich nicht ab, wenn es Anderen schlecht geht; sie wissen, wie sich das anfühlt. Früher als die Glücklichen bemerken sie eine Gefahr, eine Fehlentwicklung, ein Unrecht und eine Ungerechtigkeit.

Auch deshalb brach in England, dem Ursprungsland der modernen Vorstellung vom Glück als Lustmaximierung (John Locke, Jeremy Bentham), vor Kurzem eine heftige Debatte in der Times los, als die Nationale Statistikbehörde den aktuellen Happiness-Index publizierte: Es sei eine Zumutung, immerzu von diesem Glück zu hören, England brauche eine Arbeits-Ethik, sonst komme das Land nie mehr auf die Beine. Ein Anderer rühmte das Unglücklichsein, denn es gebe "mehr im Leben als dieses elende Geschäft, glücklich sein zu wollen".

Diese Debatte würde ich mir auch hierzulande wünschen. Es ist ja in Ordnung, dass die Deutschen nach Jahrhunderten der Abstinenz das Glück entdecken. Diese glücksverspätete Nation war zu lange kritiklos gegenüber Arbeit und Pflicht. Heute besteht das Problem eher in der kritiklosen Anbetung von Glück und Lust als gesellschaftlicher Norm.