Pädophilie "Was ist das für ein Schwein, was ist das für ein Mensch"

Etwa ein Prozent aller Männer in Deutschland sollen pädophil sein. Einer von ihnen ist Robert Maier. Seine Neigung lebt er nicht aus. Doch das ist ein täglicher Kampf.

Von Anne Kleinmann, Regensburg

Robert Maier meidet Spielplätze. In Schwimmbäder geht der 41-Jährige gar nicht mehr. Zu hoch ist die Gefahr. Zu stark die Herausforderung. Zum Täter wurde Maier nie. Nicht im echten Leben, und auch nicht im Internet. Nur in seiner Fantasie, da lässt er es zu: "Ich schaue mir Pornos mit Erwachsenen an und stelle mir vor, es sei ein Kind."

Hätte man Robert Maier, der in Wirklichkeit anders heißt, noch vor ein paar Jahren gebeten, darüber zu sprechen, er wäre wohl in Tränen ausgebrochen. Heute ist das anders. Heute kann er mit ruhiger Stimme davon erzählen. Die Hände liegen in seinem Schoß. Nervös sei er nicht, sagt er. Das Therapiezentrum des Projekts "Kein Täter werden" in Regensburg ist ihm vertraut. Hier war er zwei Jahre lang jede Woche. In dem Büro, das aussieht wie ein ganz normales Büro, mit Büchern, einem Schreibtisch, Bildern und einem kleinen Tisch. Gemütlich ist es nicht. Doch hier konnte Maier das erste Mal offen über seine Neigung sprechen.

"Pädophilie hat sich niemand ausgesucht"

In die Regensburger Anlaufstelle für Pädophile kommen Männer, die Täter sind, oder die Sorge haben, einer zu werden. Ambulanzleiter Michael Osterheider erklärt im Interview mit SZ.de, wie er mit Betroffenen arbeitet und warum man Pädophile nicht "heilen" kann. Von Jana Stegemann mehr ...

Bevor er 2011 die Therapie begann, ging Maier noch ins Schwimmbad. An das eine Mal erinnert er sich genau: Zuerst habe er nur ein bisschen geschaut, erzählt er. Dann ging er ins Wasser, schwamm immer näher an die jungen Mädchen heran. Er dachte, dort fällt es weniger auf. Doch dann erschrickt er, merkt was er tut. Schnell packt er seine Sachen und geht nach Hause.

Maier ist einer von vielen. Forscher schätzen: Etwa ein Prozent aller Männer in Deutschland sind pädophil. Ursprünglich stammt der Begriff Pädophilie aus dem Griechischen und bedeutet "Liebe zu Kindern". Die Weltgesundheitsorganisation definiert Pädophilie als "Störung der Sexualpräferenz von Erwachsenen". In der Sexualmedizin werden Erwachsene als pädophil bezeichnet, wenn sie sich zu Kindern hingezogen fühlen, die noch nicht in der Pubertät waren.

"Was willst du mit so einem jungen Mädchen?"

So ist es auch bei Maier. Er präferiert Mädchen im Alter zwischen acht und elf Jahren. Bewusst wurde ihm das am Ende seiner eigenen Jugend: Mit 19 lernte er seine erste Freundin kennen. Sie war 13. Er war Leiter ihrer Jugendgruppe. Zum Geschlechtsverkehr kam es nicht. Über den Altersunterschied machte er sich keine Gedanken, seine Freunde schon: "Was willst du mit so einem jungen Mädchen?", hieß es.

An all das erinnert sich Maier genau. Im Gespräch schaut er selten weg, sein Blick ist direkt. Er erzählt, wie er älter wurde. Mit 24 lernte er wieder ein Mädchen kennen. Dieses Mal war sie 16. Und dieses Mal hatte er Sex mit ihr. Langsam kam die Erkenntnis: Junge Mädchen ziehen ihn an.

Warum sich Erwachsene sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, darüber ist sich die Wissenschaft uneinig: Experten vermuten, dass entwicklungsbiologische, psychische, medizinische aber auch soziale Faktoren eine Rolle spielen. Auch eine genetische Veranlagung schließen Forscher nicht aus. Frauen sind von der Neigung kaum betroffen. Warum? Auch das ist bislang noch nicht erforscht. Klar ist aber: Wer pädophil ist, kann sich gleichzeitig auch zu Erwachsenen hingezogen fühlen. So kommt es nicht selten vor, dass betroffene Männer in einer ganz gewöhnlichen Beziehung leben.

Maiers Beziehung ging nach eineinhalb Jahren zu Ende. Er fing an zu trinken. Psychisch und körperlich war er am Ende. "Man versucht ja einem Gesellschaftsbild zu entsprechen. Das ist ein Kampf gegen sich selbst. Dann dieser tief verwurzelte Selbsthass, weil man nichts dagegen tun kann", sagt er. Er hadert mit seinem Schicksal. "Man ist in sich gefangen, kommt nicht raus aus dem inneren Gefängnis", fügt er hinzu. Damals war Maier Anfang 30 - und dachte darüber nach, sein Leben zu beenden.