Optimale Kinderbetreuung "Es geht um Kompetenzen, nicht um Wissen"

Kinderkrippen mit Abholservice, Klavierunterricht und Kinderyoga sind nur für wenige erschwinglich. Vertieft qualifizierte und teure Betreuuung den Graben zwischen privilegierten und sozial benachteiligten Familien? Ein Gespräch über Möglichkeiten, Grenzen und Auswüchse frühkindlicher Förderung.

Von Violetta Simon

Sie nennen sich Wichtel Akademie, Queens & Kings Childcare oder Villa Ritz - luxuriöse Kinderkrippen mit Abholservice, bilingualen Erzieherinnen, Klavierunterricht und Kinderyoga. Meinen Politiker und Lehrer wirklich das, wenn sie mehr Konzentration auf die frühkindliche Bildung fordern? Oder handelt es sich um ein elitäres Angebot für eine Klientel, die sich gerade von jenen abgrenzen möchte, die frühkindliche Bildung am meisten bräuchten: Kinder aus sozial schwachen Familien oder mit Migrationshintergrund? Ilse Wehrmann gilt als Pionierin der Frühpädagogik. Im Interview mit Süddeutsche.de warnt die Sozialpädagogin davor, frühkindliche Bildung den Gutverdienenden zu überlassen. Ein Gespräch über Möglichkeiten, Grenzen und Auswüchse frühkindlicher Förderung. Und warum Kinder keinen Luxus brauchen - sondern Zeit.

SZ.de: Der jüngsten Allensbach-Studie zufolge beklagen zwei Drittel der Lehrer ungleiche Bildungschancen für Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Investieren wir genug Geld in die Bildung unserer Kleinsten?

Ilse Wehrmann: Nein, bei Weitem nicht. Wir haben nach wie vor einen Mangel im Bereich der frühkindlichen Bildung. Was wir brauchen, ist ein Bildungsfonds, der etwa über einen Solidarpakt finanziert wird.

Was würden Sie mit dem Geld machen?

In erster Linie eine einheitliche Grundstruktur für die Einrichtungen schaffen, die unabhängig ist vom finanziellen Hintergrund der Eltern, dem Familienbild eines Bürgermeisters und der Finanzkraft einer Kommune. Stattdessen nach Empfehlung internationaler Experten: je jünger die Kinder, desto kleiner die Gruppen; je größer die Gruppen, desto höher der Erzieher-Kind-Schlüssel. Außerdem brauchen wir eine Qualitätskontrolle, damit nicht jede Erzieherin und jeder Träger nach eigenen Vorstellungen arbeitet. Wir hinterlassen unseren Kindern einen immensen Schuldenberg und muten ihnen zu, bis 70 zu arbeiten. Da müssen wir sie wenigstens für die Zukunft rüsten. Alles, was wir jetzt versäumen, ist später irreparabel.

Manche Eltern sind bereit, in die Betreuung und Bildung ihrer Kinder zu investieren. Exklusive Betreuungs-Oasen für eine zahlungskräftige Klientel sind stark im Kommen. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

Dass Eltern so viel bezahlen, hat ja nur den Grund, dass sie sich um die Existenz ihrer Kinder sorgen. Dass sie selber unter Druck stehen und versuchen müssen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Wir brauchen dazu aber keine Hightech-Einrichtungen oder besondere Angebote, sondern eine gute, frühe Allgemeinbildung. Das heißt nicht, dass man nicht über bestimmte Angebote nachdenken kann. Statt jedoch gesellschaftliche Gruppen zu trennen, sollte man die Einrichtungen lieber integrativ und inklusiv führen. Dazu brauchen wir in erster Linie Erzieher mit einer hohen Fachkompetenz, die den Kindern die Welt erklären. Das ist keine Frage des Geldes, sondern der Rahmenbedingungen.

Welche Angebote halten Sie im Bereich der frühkindlichen Bildung für sinnvoll?

Ich bin für eine zweisprachige Erziehung. Also nicht zusätzlich im Kurssystem, sondern nach der Inversionsmethode - eine "Native Speakerin", die den ganzen Tag auf Englisch oder Französisch spricht, tröstet, singt und mit den Kindern spielt. Natürlich sollte man auch Angebote in den naturwissenschaftlichen Bildungsbereichen machen und experimentieren. Es geht dabei aber nicht nur um Wissen - es geht um Kompetenzen. Den Kindern sollte in jedem Fall Feinfühligkeit, emotionale und soziale Kompetenz vermittelt werden.

Was braucht es dazu?

Zeit für die Kinder, also einen entsprechenden Personalschlüssel: auf drei Kinder eine hochschulausgebildete Pädagogin, wie es international üblich ist. Und nicht wie in Niedersachsen, wo eine Erzieherin und eine Pflegerin eine Gruppe mit 15 Kindern im Alter von acht Wochen bis dreieinhalb Jahren betreuen.

Kann es den Kindern schaden, wenn beruflich stark involvierte Eltern die frühkindliche Bildung rund um die Uhr auslagern?

Kinder sind soziale Wesen, die den Kontakt zu Gleichaltrigen brauchen. Ideal ist es, wenn sie zwischen eineinhalb und zwei Jahren in eine gute Kita kommen. Die muss natürlich vernünftige Öffnungszeiten haben. Häufig stehen diese im Widerspruch zur Berufstätigkeit der Eltern, die ja nicht immer Teilzeit arbeiten. Also finden sie Notlösungen - etwa vorher und hinterher zur Tagespflege. Deshalb brauchen wir Kindergärten und -krippen aus einem Guss, die den Bedürfnissen der Eltern entsprechen.

Mittlerweile bieten viele Kindertagesstätten auch Betreuung außerhalb der Öffnungszeiten sowie Abhol- und Bring-Service oder kurzfristige Babysitter-Dienste.

Ich denke, die Kitas dürfen nicht zu einem Stundenhotel verkommen. Wir brauchen Öffnungszeiten von mindestens acht bis neun Stunden täglich, die eine verlässliche Struktur für die Eltern bieten. Zuverlässige Betreuung in Randzeiten - frühmorgens oder später am Abend - sind durchaus wünschenswert. Was wir nicht brauchen, sind täglich wechselnde Betreuungszeiten und Betreuungspersonen. Aber auch die Arbeitswelt muss familienfreundlicher werden, etwa durch flexiblere Arbeitszeiten. Tagesstätten können nicht alles abdecken, es muss eine Struktur geben, die sich nach den Bedürfnissen von Eltern und Kindern richtet.