Matthias Erzberger Der Patriot

Verhandlungspartner der Siegermächte: Matthias Erzberger (li.) im April 1919 bei einer Beratung mit deutschen Diplomaten im Zug.

(Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg)

Er unterzeichnete am 11. November 1918 den Waffenstillstand zwischen den Westmächten und Deutschland - dafür war ihm der Hass der Rechten sicher. Heute gilt Erzberger als großer Politiker.

Von Christian Mayer

Es ist der 26. August 1921, Spätsommer im Schwarzwald. Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger genießt ein paar freie Tage mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter. Morgens macht er gemeinsam mit einem Abgeordnetenkollegen eine Wanderung Richtung Kniebis, ein idyllischer Bergrücken bei Freudenstadt. Da nähern sich zwei gut gekleidete junge Männer "in strammer Haltung", wie es Erzbergers Kollege später zu Protokoll geben wird. Grußlos überholen die beiden ehemaligen Marineoffiziere Erzberger und seinen Gefährten. "Jetzt müssen wir aber umkehren, da wir um Viertel vor zwölf beim Mittagessen sein wollen", sagt der Politiker noch.

Dann hören sie Schritte, und schon stehen die Männer vor ihnen, mit gezückten Revolvern. Mehrere Schüsse treffen den Herrn mit dem Hut und dem dunklen Anzug; tödlich verwundet fällt Erzberger die Böschung hinab, sein ebenfalls getroffener Begleiter kann sich gerade noch in den nächsten Ort schleppen und die Polizei verständigen.

Erst glaubt er an den Sieg im Ersten Weltkrieg, dann will er den Frieden wagen

An jenem Tag im August stirbt nicht nur einer der bedeutendsten Politiker seiner Zeit. Der Mord im Schwarzwald, verübt von Killern der rechten Terrororganisation "Consul", soll das Staatswesen an sich treffen, die Republik von Weimar. Die Schüsse zielen auch auf die Werte, für die der langjährige Reichstagsabgeordnete, Diplomat und Finanzminister steht: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Parlamentarismus, freie Presse. Sie zielen auf den Mann, der es als seine Pflicht ansah, am 11. November 1918 den Waffenstillstand zwischen den Westmächten Frankreich und Deutschland zu unterzeichnen.

Erzberger war ein prinzipientreuer Politiker und ein herausragender Redner, einer, der keiner Debatte aus dem Weg ging: Auch deshalb hat Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) dem Ältestenrat vorgeschlagen, ein Parlamentsgebäude am Berliner Boulevard Unter den Linden nach Erzberger zu benennen. Ein zweites Gebäude dort soll den Namen des Sozialdemokraten Otto Wels tragen. Dass Erzberger fast hundert Jahre nach seiner Ermordung endlich einen angemesseneren Platz in der deutschen Erinnerungskultur finden könnte, soll ein Zeichen setzen.

Wer war dieser Mann, der es als Sohn eines Schneiders aus dem schwäbischen Buttenhausen bis zum Vizekanzler brachte? Und warum schlug ihm so viel Hass entgegen?

Erzberger ist ein Mann, der trotz seiner einfachen Herkunft nach oben will. Der 1875 geborene Volksschullehrer, der als Redakteur beim Deutschen Volksblatt in Stuttgart eine journalistische Laufbahn beginnt, gilt als großes Talent der katholischen Zentrumspartei. 1903 zieht er im Alter von nur 28 Jahren als jüngster Abgeordneter in den Reichstag ein: Mit 92 Prozent kann der Neuling, der den christlichen Gewerkschaften nahesteht, auf ein glänzendes Ergebnis verweisen. Weil es zu dieser Zeit noch keine Diäten gibt, verdient er sein Geld mit Zeitungsartikeln. Politik ist sein Beruf, seine Leidenschaft - dazu gehört das Aktenstudium genauso wie die Ausschussarbeit und die große Rede vor dem Reichstag.

Als Mitglied der Haushaltskommission wird er einer der führenden Finanzpolitiker. Scharfzüngig verteidigt er die Aufrüstungspolitik gegen die Kritik der Sozialdemokraten, zugleich will er die Rechte des Parlaments stärken - zum Beispiel bei der Kontrolle der umstrittenen Kolonialpolitik. Ein Liberaler ist er nicht, aber lernfähig.

Durchaus widersprüchlich ist seine Haltung während des Ersten Weltkriegs. Der nationalistische Rausch, der Glaube an einen schnellen deutschen Sieg, erfasst zunächst auch ihn. Erzberger zählt damals zu den "Annexionisten" - große Teile Nordfrankreichs und Belgiens sollen künftig zu Deutschland gehören, im Osten deutsche Satellitenstaaten entstehen, auf Kosten des maroden Zarenreiches. Auf Bitten der Reichsregierung übernimmt er die Koordinierung der deutschen Auslandspropaganda. Angesichts der ungeheuren Verluste wächst bei ihm allerdings die Einsicht, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist.

Deshalb erlebt die Öffentlichkeit nun einen neuen, geläuterten Erzberger. 1917 zählt er zu den Wortführern eines "Verständigungsfriedens" zwischen den Alliierten und Deutschland. Die Friedensresolution im Reichstag, die von einer neuen Mehrheit aus Sozialdemokraten, Zentrumspartei und Liberalen unterstützt wird, ist auch sein Werk. Weil die Reichsregierung weiter auf Sieg setzt, hat der Frieden keine Chance. Doch Erzberger lässt nicht locker, hinter den Kulissen verhandelt er mit den Russen.

Als die deutsche Militärführung unter Hindenburg und Ludendorff endlich erkennt, dass der Krieg verloren ist, schiebt sie Männern wie Erzberger die Verantwortung zu. Als Staatssekretär ohne Geschäftsbereich übernimmt er im November die Leitung der Waffenstillstandskommission. Schweren Herzens. Er weiß, was diese Mission bedeutet. Sie ist eine patriotische Tat. Aber niemand wird es ihm danken.

Anfang November 1918 trifft er, der Zivilist, auf den Oberkommandierenden der alliierten Truppen, den französischen Marschall Ferdinand Foch, der den Deutschen ultimativ klarmacht: Entweder sie unterschreiben den Waffenstillstand oder der Krieg geht weiter, was angesichts der politischen Unruhen im Reich und der militärischen Lage zu einer historischen Katastrophe führen würde. Erzberger unterzeichnet mit dem Mut der Verzweiflung. Und schreibt direkt danach in einer Erklärung: "Das deutsche Volk, das fünfzig Monate lang standgehalten hat gegen eine Welt von Feinden, wird ungeachtet jeder Gewalt seine Freiheit und seine Einheit wahren. Ein Volk von 70 Millionen leidet, aber es stirbt nicht."

Nach dem Sturz der Monarchie gehört Erzberger zu den Gründungsvätern der deutschen Republik. Er behält kühlen Kopf, als es um die Annahme des Versailler Friedensvertrages geht - die harten Bedingungen, die Deutschland den Verzicht auf ein Siebtel seines Staatsgebiets auferlegen, hält er für "unerträglich", doch gebe es dazu keine Alternative.

In der Nationalversammlung in Weimar rechnet er im Juli 1919 mit den wahren Verursachern der Katastrophe ab: "Jeder Friedensvertrag ist die Schlußrechnung eines Krieges. Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden, und wer hat bei uns den Krieg verloren? Ich habe es Ihnen nachgewiesen: diejenigen, welche den handgreiflichen Möglichkeiten eines maßvollen und würdigen Friedens immer wieder einen unvernünftigen, trotzigen und verbrecherischen Eigensinn entgegenstellten."

Das ist vor allem ein Angriff auf die Generalität, auf Hindenburg und Ludendorff, die man hätte zwingen sollen, selbst den Waffenstillstand zu schließen: "Sie werden diese Schuld nicht los, weder vor uns noch vor der Geschichte noch vor ihrem eigenen Gewissen."

Erzberger ist aber nicht nur ein donnernder Redner, sondern auch ein beherzter Regierungspraktiker. Wie man die innere Ordnung bewahrt, das Chaos verhindert, zeigt er als Reichsfinanzminister: mit einer radikalen Steuerreform. Der Minister führt die progressiv ansteigende Einkommensteuer ein und beendet das Wirrwarr der Zuständigkeiten in der deutschen Finanzpolitik, er baut eine moderne Steuerverwaltung auf. Der heutige Bundesfinanzminister Schäuble müsste ihm dafür eigentlich ein Denkmal bauen.

Tod eines Demokraten: In Hetzbroschüren wurde er zum Abschuss freigegeben

Bei den Rechten gilt Erzberger als "Novemberverbrecher" und "Volksverräter". In antirepublikanischen Hetzbroschüren und Karikaturen wird er zum Abschuss freigegeben. Gegen den deutschnationalen Politiker Karl Helfferich gewinnt er 1920 einen Beleidigungsprozess, doch es ist ein Sieg dritter Klasse. Die Vorwürfe während der Gerichtsverhandlung diskreditieren Erzberger so sehr, dass er von seinem Amt als Reichsfinanzminister zurücktritt.

Erzberger selbst kennt das Risiko, das er als unerschrockener Politiker eingeht. "Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen", vertraut er im Frühjahr 1921 seiner Tochter an, schon ein Jahr zuvor hat ein ehemaliger Offiziersanwärter versucht, Erzberger umzubringen. Die Kugel ist an dessen Uhrenkette abgeprallt. So viel Glück hat er nicht mehr, als gleich zwei Auftragsmörder im Schwarzwald ihre Revolver ziehen.