Frauentag Rechte und Populisten bringen ein veraltetes Frauenbild zurück

Die Antwort auf populistische Politik: Im Bild ein Protestmarsch für Frauenrechte im Januar.

(Foto: AFP)

Die Gleichberechtigung galt als Selbstverständlichkeit, gerade im Westen. Jetzt wird klar: Gesellschaftlicher Fortschritt ist nicht garantiert.

Kommentar von Sonja Zekri

Die Haare? Unmöglich, ungewaschen. Ihr Gesicht? Als hätte sie am Vorabend, nein, an vielen Abenden getrunken. Die ganze Frau eine Schlampe, eine Hexe, auch Schlimmeres. Und als Kellyanne Conway, Beraterin des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, auch noch auf einem Bild zu sehen war, wie sie im Oval Office auf dem Sofa kniend ein Handyfoto machte, gab es im Netz kein Halten mehr. Das sei ja im Weißen Haus eine "bekannte Pose", jauchzte ein demokratischer Abgeordneter aus Louisiana, und das war noch eine feinere Anspielungen auf die Lewinsky-Affäre.

Was ist unorigineller, erwartbarer, überflüssiger als der Frauentag? Ausfälle wie diese. Dass die Pöbeleien in vielem fast aufs Wort den Gehässigkeiten gegen Hillary Clinton ähnelten, macht sie noch elendiger. Und nein, das Ganze wird nicht dadurch hinnehmbar, dass Conway einem Mann gegenüber loyal ist, dessen rhetorische Militanz gegenüber Frauen sprichwörtlich ist: Donald Trump.

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Man hätte solche Aggressionen vor noch gar nicht langer Zeit mit einer gewissen Gelassenheit betrachten können, als Rückzugsgefechte der Unbelehrbaren, als eine Art sozialen Atavismus, der im Zuge einer unaufhaltsamen Entwicklung eines Tages verschwinden oder verstummen würde.

Denn vieles hatte sich getan, vieles hatte sich für Frauen vom Schlechteren zum Besseren, wenn nicht zum Guten gewendet. Die Müttersterblichkeit geht zurück, weltweit, sogar in Afrika. In knapp 25 Jahren hat das kleine, arme Ruanda es geschafft, diese Todesfälle auf weniger als ein Viertel zu senken. Die Bildungslücke zwischen Jungen und Mädchen schließt sich weltweit, wenn auch nur sehr langsam. Die Alphabetisierungsrate von Frauen wächst. In Brasilien ist die Frauenbeschäftigung von 54 auf 58 Prozent gestiegen, die Verdoppelung des Mindestlohns war ein Segen für viele Frauen. Es gibt viele hoffnungsfrohe Signale.

Im reichen, entwickelten Westen zumal schien die Gleichberechtigung mit Händen zu greifen; vielleicht nicht vollendet, aber doch immerhin als klares, nicht zu hinterfragendes gesellschaftliches Ziel vereinbart. Die Löhne glichen sich an, wenn auch langsam. Frauen fanden in Führungspositionen. Die mächtigste Frau der Welt ist Angela Merkel. So sicher war sich hier die nächste Frauengeneration, dass Feminismus bei vielen als ungefähr so überholt galt wie Schulterpolster.

Es war, das weiß man heute, ein Irrtum. Nichts ist sicher. Nichts unhinterfragt. Nichts irreversibel, jedenfalls keine gesellschaftliche Entwicklung. Das gilt nicht nur für die Frauen, aber auch für sie, obwohl sie die Hälfte der Bevölkerung stellen und damit in den meisten Ländern auch die Hälfte der Wähler.

Denn der Aufstieg der Populisten in Deutschland, Russland, der Türkei und Amerika, in Ungarn, Frankreich oder Polen hat alles verändert. Und dabei ist es völlig unerheblich, dass auch Frauen wie Marine Le Pen vom französischen Front National in ihren Reihen zu finden sind, dass sie die Populisten-Bewegung weniger abschreckend, leichter konsumierbar, Mitte-fähiger machen.

Frauenrechte sind kein Kollateralschaden im Kampf ums große Ganze

Es ist nicht wichtig, ob Frauke Petrys AfD bei der nächsten Bundestagswahl doch nicht so große Triumphe feiert wie befürchtet. Die Populisten haben ein Frauenbild zurückgebracht, das überwunden zu sein schien. In Russland wird häusliche Gewalt seit Kurzem weniger hart bestraft als vorher, dabei werden jedes Jahr 12 000 Frauen von ihrem Partner erschlagen.

Man sich keinen Illusionen hingeben: Trotz aller regionalen Unterschiede sind die Rechten im Kern gleichermaßen rückschrittlich und diskriminierend. Frauenrechte sind kein Kollateralschaden im Kampf ums große Ganze, die Europäische Einheit, die Demokratie, den Westen. Sie sind das Barometer, ein Symptom für die Verfasstheit einer Gesellschaft. Deshalb nehmen Frauen die Angriffe der Rechten auf das "große Ganze" möglicherweise etwas persönlicher.

Ein Blick in die Weltgeschichte zeigt, dass es durchaus Gemeinwesen gibt, die technischen Fortschritt ohne politische Partizipation erlangen. Auch ökonomischer Wohlstand ohne soziale Modernisierung ist denkbar. Im Westen, so schien es, verliefen alle diese Entwicklungen annähernd parallel. Und sie verliefen aufwärts.

Das ist vorbei. Mehr oder weniger öffentlich lamentieren viele Männer über das Karrierehindernis ihres Geschlechts. Nun findet sich auch hier ein neuer Resonanzboden. Und wurde die Gesellschaft nicht wirklich überfordert? Zu viele Rechte für Frauen, Schwule und Migranten? Und klar: zu viele Transgendertoiletten? Manche Errungenschaften müssen täglich verteidigt werden, andere nur in historischen Krisen. Dies ist eine.

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