Kinderbetreuung In Deutschland fehlen 300 000 Krippenplätze

Hunderte Eltern standen am Samstag in Leipzig Schlange für einen Kita-Platz.

(Foto: dpa)
  • Die Betreuungsplatzsituation für unter Dreijährige in Deutschland ist angespannt: Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft fehlen insgesamt 293 486 Plätze.
  • Vor allem Eltern im Westen sind betroffen. In den ostdeutschen Bundesländern ist die Betreuungslücke niedriger.
  • Der Grund für die Lücke: Bei steigendem Bedarf stagniert seit zwei Jahren der Ausbau an Kindertageseinrichtungen.
Von Kerstin Lottritz

450 Mütter und Väter samt Kindern sorgten am vergangenen Samstag in Leipzig für ein kleines Verkehrschaos. Die Eltern warteten geduldig vor einer Kita, um einen Antrag für einen Betreuungsplatz zu stellen. Die Polizei musste einschreiten, um die Autos an der Schlange vorbeizulotsen. Die Einrichtung für 45 Krippen- und 120 Kindergartenkinder hat noch gar nicht eröffnet, sie wird erst im August fertig. Der Andrang der Eltern hatte die Kita-Leitung völlig überrascht. Das Foto der wartenden Menschen geht seitdem als Symbolbild für die angespannte Kita-Situation in Deutschland durch die Medien.

Denn die Situation ist alarmierend - vor allem in Westdeutschland: Einer Untersuchung des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge fehlen in Deutschland fast 300 000 Krippenplätze. Die Bild-Zeitung hatte zuerst darüber berichtet. Dem IW zufolge ist der regionale Unterschied besonders auffällig. Während es in Ostdeutschland nur 31 050 Plätze zu wenig gibt, sind es in Westdeutschland 262 436.

Gemessen am Bedarf suchen vor allem Eltern in Nordrhein-Westfalen vergeblich einen Betreuungsplatz für ihr unter dreijähriges Kind. Trotz Rechtsanspruchs fehlen hier 77 459 Plätze - also für 16,2 Prozent dieser Kinder. In Rheinland-Pfalz und Bayern liegt die Quote ähnlich hoch bei 16 beziehungsweise 14,9 Prozent - im Stadtstaat Bremen sogar bei 20,2 Prozent. Am wenigsten angespannt ist die Betreuungssituation in Mecklenburg-Vorpommern. Dort gibt es laut IW die geringste Betreuungslücke von 3,1 Prozent. Auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt liegt die Quote bei unter sieben Prozent.

Ging man vor zehn Jahren noch davon aus, dass nur 35 Prozent der Eltern einen Betreuungsplatz für ihr unter dreijähriges Kind in Anspruch nehmen würden, liegt der Bedarf mittlerweile bei 46 Prozent. "Seit Jahren steigt diese Zahl kontinuierlich an", sagt Wido Geis vom Institut der deutschen Wirtschaft. Das läge zum einen daran, dass mehr Kinder geboren würden, und zum anderen, dass ein Wertewandel stattgefunden habe. "Frauen wollen und müssen früher in den Beruf zurückkehren", sagt Geis. "Gleichzeitig wird die frühkindliche Betreuung nicht mehr so negativ angesehen."

In Ostdeutschland habe es schon zu DDR-Zeiten ein ausgebautes Betreuungssystem gegeben und die Frauen seien dort arbeiten gegangen. Im Westen dagegen sei eher die Erziehungskompetenz der Eltern betont worden. "Nach der Wende haben sich diese beiden Systeme aneinander angenähert", so Geis. Deshalb sei im Osten die Betreuungslücke weniger groß als im Westen. Der Bedarf an Kita-Plätzen werde aber in ganz Deutschland noch wachsen.

In den vergangenen Jahren hat die Politik versucht, dem steigenden Betreuungsbedarf mit neuen Kita-Einrichtungen entgegenzuwirken. Doch Geis beobachtet, dass seit zwei Jahren der Ausbau an Krippenplätzen stagniert. "Seit dem Rechtsanspruch auf einen Platz für unter Dreijährige hat der Ausbau offenbar nicht mehr die höchste Priorität bei den Kommunen", sagt Geis. Man habe wohl gemerkt, dass gar nicht so viele Eltern einen Platz einklagen würden, wie erwartet.

Geis appelliert an die Politik, nicht nur den Krippenausbau wieder voranzutreiben. "Wir brauchen vor allem eine bundesweite Einheitlichkeit bei den Gebühren, den Öffnungszeiten und Buchungszeiten." Da seien die Unterschiede zwischen den verschiedenen Städten noch viel zu groß.

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