Laut der britischen Zeitung The Guardian herrscht in den USA dieselbe Situation. Demnach berichtet der Joint Council on International Children's Services, der mehr als 200 internationale Adoptionsvermittlungsstellen vertritt, dass innerhalb von drei Tagen 150 Adoptions-Anfragen eingegangen seien. Normalerweise seien es zehn in einem Monat. Kinderhilfsorganisationen in den USA appellieren nun an adoptionswillige Paare, sich vorläufig noch zurückzuhalten. Sie befürchten, mit Massenadoptionen Familien zu zerstören und dem Kinderhandel Tür und Tor zu öffnen. Wer wirklich helfen wolle, erreiche mit Spenden deutlich mehr.

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Die Interessenten müssen sich also in Geduld üben. Und doch: Die Zeit läuft gegen die Kinder von Haiti. Terrre des Hommes warnt bereits vor Kinderhändlern und Schleppern, die derartige Notlagen ausnützen würden. Wie die amerikanische Zeitschrift The Atlantic berichtet, blühe in der zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince der Kinderhandel bereits auf. Menschenhändler wittern ihr großes Geschäft, und sie werden fündig.

Ein Kind für zehn Dollar

Denn Tausende traumatisierte Kinder irren durch die Trümmer der Stadt, auf der Suche nach ihren Eltern. Die Lage in den Kinderheimen ist katastrophal, und sie spitzt sich weiter zu, berichteten Helfer. Auch die unzähligen Straßenkinder sind ohne jegliche Betreuung. Weil die öffentlichen Einrichtungen brachliegen und die Menschen ums nackte Überleben kämpfen, haben Kinderhändler ein leichtes Spiel.

Für Unmut hat unterdessen eine Äußerung der Fernsehmoderatorin und Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen über Adoption in Haiti gesorgt. In der ARD-Sendung Anne Will Extra hatte sie am Sonntagabend zur Lage vor dem Erdbeben gesagt: "Sie haben eine Adoption für zehn Dollar bekommen. Auf dem Flughafen hat man nur weiße Ehepaare mit kleinen haitianischen Kindern gesehen, weil sie nichts kosteten."

Help a Child e.V. und der Verein Haiti-Kinderhilfe e.V. haben von Sabine Christiansen eine öffentliche Entschuldigung gefordert. Neben den biologischen Eltern würden mit ihren Äußerungen auch die Adoptiveltern beleidigt und mit skrupellosen Menschenhändlern gleichgestellt. Die Moderatorin hat die Vorwürfe inzwischen zurückgewiesen und betont, dass legale Adoptionen in keiner Weise auf eine Stufe mit illegalem Kinderhandel zu stellen seien.

Auch Jutta Diehl aus dem Münsterland hatte sich über die "pauschale Aussage" von Christiansen geärgert. Denn die Adoptionen würden in der Regel rechtmäßig ablaufen - und seien tatsächlich eine große Hilfe.

Deshalb rät sie auch niemandem generell davon ab, ein Kind aus Haiti zu adoptieren. Im Gegenteil: "Wenn es ein langgehegter Wunsch ist, sollte man sich ans Jugendamt wenden - das ist der offizielle Weg", sagt sie. Es dauere ohnehin bis zu einem Jahr, bis ein Adoptionsantrag überprüft ist. Bis dahin könnte es in dem zerstörten Karibikstaat schon anders aussehen. Wenn die erste Not überstanden ist, kommen die Kinder aus den überfüllten Heimen zurück auf die Straße. Und dann sind wieder viele Adoptiveltern gefragt. Auch in Deutschland.

Auch ohne Naturkatastrophen wie das Erdbeben vom 13. Januar bieten die ärmlichen Verhältnisse in dem Land einen Nährboden für Menschenhandel. Experten schätzen, dass jedes jahr 250.000 Kinder Kinder als Sklaven verkauft werden, oftmals von den eigenen Eltern. Die Mädchen werden meist als private Prostituierte gehalten, Jungen als billige Arbeitskräfte. Physischer und sexueller Missbrauch ist bei den Kindern an der Tagesordnung.

Nach Schätzungen von Unicef werden jedes Jahr mindestens 1300 Kinder zu neuen Eltern ins Ausland vermittelt, was dem Land bereits den Vorwurf einbrachte, Kinderhandel zu betreiben. Das wichtigste Aufnehmerland ist Frankreich. Die Dunkelziffer des illegalen Kinderhandels liegt weitaus höher.

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(sueddeutsche.de/dpa/AP/AFP/bre/gba/jja)