Kinder - der ganz normale Wahnsinn Essen mit Kindern könnte so schön sein

Es gibt Familien, in denen schmatzen die Kinder nicht, sie meckern nicht, sie zappeln nicht - und bleiben am Tisch sitzen, bis alle aufgegessen haben. Leider gehören derart vorbildliche Tischmanieren in der eigenen Familie nicht zum Standard-Repertoire.

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Es war einmal eine Familie, die traf sich drei Mal täglich zum Essen: jeden Morgen, jeden Mittag und jeden Abend. Mutter, Vater, Tochter und Sohn saßen vergnügt beieinander, erfreuten sich am köstlichen Essen und erzählten - je nach Tageszeit - von ihren Plänen oder was sie erlebt hatten. Der Junge sprang nicht auf. Das Mädchen meckerte nicht über das Essen oder stocherte lustlos darin herum. Keiner schmatzte. Niemand rutschte unter den Tisch. Ein Märchen. Oder eine Szene aus der Rama-Werbung.

Solche Familien gibt es in Wirklichkeit nicht, und wenn doch, will man entweder dazugehören oder gar nicht erst von ihrer Existenz erfahren. Es beginnt bereits damit, dass reale Familien höchstens im Urlaub alle Mahlzeiten gemeinsam einnehmen. Im Alltag müssen morgens alle los: Die Mutter ist schon unterwegs, damit sie die Kinder am Nachmittag aus der Betreuung abholen und trotzdem halbtags arbeiten kann. Der Vater schmiert die Brote und überlegt, wie oft man seine Kinder beim Frühstück zur Eile antreiben darf, ohne eine Essstörung auszulösen.

Die Kinder sehen keinen Grund, schneller zu essen, weil sie dummerweise noch kein Zeitgefühl haben. Sie haben allerdings Zeit, das Müsli zu einem "Vulkan" aufzuschichten, den eine plötzliche Milchüberschwemmung löscht. Solche Fluten sind schwer zu bändigen und breiten sich über den Tellerrand hinweg auf dem Tisch aus, leider auch darunter. Das Milchpfützen-Aufwischen sprengt den engen Zeitplan am Morgen sowie die Geduldsgrenzen des Vaters. Er schimpft, die Kinder bocken, alle drei verlassen missgestimmt das Haus.

Das familiäre Mittagessen gestaltet sich individuell: Die Mutter isst ein Brot am Schreibtisch, für eine Pause bleibt keine Zeit. Der Vater trifft sich mit Kollegen in der Kantine und klagt über den stressigen Start in den Tag. So schmeckt er nicht, dass sein Risotto mit einer Prise Salz zu retten gewesen wäre. Das Schulkind fragt sich im Hort, ob dasselbe Gericht nicht schon vorgestern serviert wurde. Das Kindergartenkind fällt bei der Gruppenmahlzeit mal wieder auf das panierte "Schnitzel" aus Gemüse herein.

Doch abends, ja abends ist es so weit: Alle vier Familienmitglieder lassen sich gemeinsam zum Essen nieder. Oh welch Freude, doch die währt kurz: "Ich wollte keine Tomatensoße auf meine Nudeln!", meckert das Schulkind. "Ich will keine Nudeln, ich will Pommes", meckert das Kindergartenkind. "Hört auf, an jedem Essen herumzumeckern", meckert die Mutter.

Schweigend versucht die Tochter, die Nudeln mit Soße von den Nudeln ohne Soße zu trennen. Das Ergebnis steht 28:4 für die Nudeln mit Soße. Die Tochter fängt an, die Soße von den Nudeln zu streifen. Mit den Fingern. Der Sohn, den bereits ein Musketierbart auf Tomatenbasis ziert, springt auf. Er will diese filigrane Arbeit aus der Nähe betrachten. Auch an seinen Fingern waren Soßenreste, die kleben jetzt an der Stuhllehne.

"Du! Nimm sofort die Finger aus dem Essen! Und du! Setz dich wieder hin!", schimpft der Vater. Die Mutter zermalmt mit erstarrtem Gesichtsausdruck die Pasta zwischen den Zähnen und denkt verbittert an die Werbe-Familie. Die Tochter greift zur Gabel und versucht, mit Verachtung im Blick, drei soßenbefleckte Nudeln möglichst schnell an den Geschmacksknospen vorbei hinunterzuwürgen. Sie verschluckt sich und hustet zwei unzerkaute Nudeln über den Tisch. Eine bleibt stecken.

Hektisch greift die Tochter nach dem Wasserglas, ist aber von der Nudel im Hals abgelenkt. Das Glas kippt, das Wasser läuft über den Tisch und wird zum Wasserfall. Die Mutter verabschiedet sich knurrend von der Hoffnung, ihr Mahl warm zu sich nehmen zu können und wischt Nudeln und Pfütze auf. Die Tochter hat sich freigehustet und weigert sich, weiterzuessen. Viel zu gefährlich!

"Nachtisch", schreit der kleine Bruder und lässt seinen Löffel in die Soße fallen. Die Eltern werden erst am nächsten Tag entdecken, dass es ein paar rote Spritzer bis zu den weißen Vorhängen geschafft haben.