Interview: Julia Werner

Sie ist die meistgebloggte Frau im Netz, ihre Outfits sind berüchtigt und ihre Klamotten wohnen in einem eigenen Appartement: Anna dello Russo, Chefin der japanischen Vogue.

Für drei Wochen Modenschauen benötigt sie 100 Outfits. Deshalb verfügt Anna Dello Russo über zwei Apartments: eines für ihre Kleider, eines für sich und ihre Pinscherhündin Cicciolina. Kein Wunder, dass manche in der 48-jährigen Apulierin ein übergeschnapptes Fashion-Victim sehen. In der Modewelt aber ist Anna Dello Russo, die in Mailand lebt und arbeitet, längst berühmt für ihre virtuos zusammengefügten Outfits: Lanvin-Cocktailkleid am helllichten Tag, Worth-Couture bei Schneesturm.

Burberry Prorsum: Milan Fashion Week Menswear S/S 2011 Bild vergrößern

Da freut sich Signora dello Russo: Sie sitzt bei allen wichtigen Fashion Shows in der ersten Reihe und berichtet darüber in ihrem beliebten Mode-Blog. (© Getty Images)

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Und mittlerweile ist sie auch im Internet so was wie ein Star: Sie ist die meistgebloggte Frau im Netz. Der Erfinder des Modeblogging, The Sartorialist Scott Schuman,erklärt sich das so: ,,Die meisten Menschen kleiden sich aus Statusgründen. Anna tut es ganz einfach, weil sie Mode liebt.'' Zum Interview erscheint sie allerdings in Abercrombie & Fitch - ihr Morgen ist Yoga und Schwimmen gewidmet, denn ,,Sport ist essentiell, wenn Mode gut aussehen soll.'' Der erste Eindruck: gar nicht übergeschnappt. Eher sehr sanftmütig.

Süddeutsche Zeitung: Signora Dello Russo, Sie bezeichnen Ihre Existenz als Modeblog-Ikone als zweite Karriere, aber auch als harte Arbeit. Was ist so anstrengend daran, hier und da ein wenig für die Blogger und Fotografen zu posieren?

Anna Dello Russo: Wir Modeleute standen schon immer im Wettbewerb: die Engländer, die Italiener, die Franzosen, alle wollen immer am besten angezogen sein. Dieser ,,Dress-up-Spirit'' herrschte schon immer. Und ich bin modebesessen, es ist also nicht so, dass ich mich nur wegen der Fotografen plötzlich gut anziehe. Die Schauen waren stets ein großer Mode- Moment: Partys, Networking, neue Gesichter. Früher waren wir für Außenstehende nicht sichtbar. 2005, als das Mode-Blogging begann, war ich wirklich überrascht: Ein Schnappschuss hier und dort, das kannte ich, das hat die japanische Vogue schon immer gemacht, aber ganze Mauern von Fotografen? Unglaublich! Mittlerweile sind die ganze Zeit Kameras auf mich gerichtet, und man ruft meinen Namen, als sei ich ein Hollywood-Star. Es ist, als ob wir Stylisten und Modejournalisten die ganze Zeit unter Wasser waren und jetzt aufgetaucht sind.

SZ: Aber Sie könnten sich doch auch einfach entspannen und so weitermachen wie bisher ...

Dello Russo: Die Blogs haben mein Leben verändert. Und zwar, weil ich das, was ich schon immer gemacht habe, nicht mehr mit den Models realisiere, sondern mit mir: ein professionelles, fototaugliches Styling. Es ist mein Job zu wissen, was fotogen ist und was nicht, und deshalb mache ich jetzt Fotostrecken mit mir selbst. Dabei bin ich seit 2005, als die Blogs geboren wurden, natürlich von Jahr zu Jahr genauer geworden. Es gibt ja immer mehr Blogger! Und ich finde es faszinierend, wie sie Moderedakteur für ihre Webseiten spielen: Wen sie auswählen und auf welche Details sie achten. Von der jungen Moderedakteurin mit Anfangsgehalt bis zur reichen Pariserin im Designerlook ist alles dabei. Die Blogger sind das Radar der Mode: Plötzlich sind wir alle zusammen eine Art Volk - das Modevolk!

SZ: 100 Outfits für vier verschiedene Städte. Mal abgesehen vom Übergepäck - wie organisiert man das?

Dello Russo: Wie die Produktion einer Modestrecke. Ich mache die Stylings schon vorher. Und ich fange damit sofort nach den Schauen für die nächsten an. Wenn im Februar die Shows sind, hängen die Läden voll mit Sommer-Kollektionen. Aber es schneit. Deswegen muss man das sehr gut programmieren. Ich kaufe etwas, was ich eigentlich gerade nicht brauche, immer im Hinblick auf die nächste Fashion Week. Es gibt sicher auch Leute, die das etwas spontaner sehen. Und das ist ja auch gut so, dass jeder anders tickt.

SZ: War es nicht ursprünglich der Sinn der Fashion-Blogs, eben diese spontane, unschuldige Stilsicherheit einzufangen?

Dello Russo: Es sind jetzt zwanzig Jahre, in denen ich mir Modenschauen ansehe, und Leute wie Carine Roitfeld waren immer so perfekt angezogen wie jetzt. Vielleicht waren wir Stylisten schüchterner - aber immer Perfektionisten. Jetzt macht es uns eben Spaß, auch mal vor der Kamera zu stehen. Und deshalb muss alles makellos sein - von den Haaren über die Beine bis zu den Füßen. Fotokameras sind gnadenlos. Und dann muss ich mich auch noch die ganze Zeit umziehen, denn ein Look kann ja nicht zweimal fotografiert werden.

SZ: Warum denn nicht?

Dello Russo: Sobald etwas fotografiert worden ist, ist es für mich: vorbei, verbrannt! Ich trage höchstens Schuhe und Taschen ein zweites Mal.

SZ: Das sind allerdings wirklich Hollywood-Star-Allüren.

Dello Russo: Zum Glück liebe ich Kleider und sammle sie. Ich frage mich übrigens immer, wie die anderen das machen: So viele junge Mädchen auf den Schauen sind so gut angezogen. Dafür braucht man doch in Wahrheit jede Menge Klamotten und jede Menge Geld.

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  1. Sie lesen jetzt Die Mode-Jägerin
  2. Sind Stylisten die neuen Liftfaßsäulen?
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