Hochsensibel Leben ohne Filter im Kopf

Das Rauschen im Kopf ist immer da.

(Foto: Oliver Killig/dpa)

Für Anna ist das Ticken einer Uhr Folter und selbst das Parfüm der besten Freundin bereitet ihr Kopfschmerzen. Aus dem Alltag einer Hochsensiblen.

Reportage von Jessica Kühn

Es gibt Tage, an denen sind Anna Schneider die Kinder im Englischen Garten zu laut. Selbst das Rauschen der Blätter im Wind stört sie, genauso wie das Gezwitscher der Vögel in den Bäumen, die Nähte ihres T-Shirts, die auf der Haut scheuern und der Jogger, der nach Schweiß riecht.

Anna Schneider ist 33 Jahre alt, 1,70 m groß, trägt oftmals einen Zopf, eine unauffällige schwarze Brille, hat einen Freund und einen festen Job. Eben eine ganz normale Frau. Nur ihre Wahrnehmung ist alles andere als normal: Im Büro hört sie die Kolleginnen beim Tratschen mehrere Zimmer weiter, den Drucker hört sie - selbst wenn er gar nicht druckt, sondern im Standby-Modus ist. Sie stört das neongelbe Licht und die quietschgrüne Wand gegenüber. Wenn sie zum Kaffee bei ihrer Kollegin ist, möchte sie am liebsten den Ventilator ausmachen, weil sie davon Kopfschmerzen bekommt. "Manchmal ist auch viel Parfüm in der Luft. Dann denk ich mir 'Oh Gott, ich kann gar nicht klar denken.'"

Hochbegabt und hochsensibel

Wer ein hochbegabtes Kind hat, stellt häufig fest. Im Schulalltag bleibt oftmals keine Zeit, den Schülern die nötige Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Anders in Oberhaching. Hier werden Gymnasiasten mit besonderen Fähigkeiten gefördert - durch Beratung, Workshops und Exkursionen. Von Jasmin Kohl mehr ...

Viele in ihrem Umfeld verstehen nicht, wenn sie so etwas sagt. Sie verstehen auch nicht, wenn Schneider die Straßenseite wechselt, um im Schatten laufen zu können oder plötzlich aus dem U-Bahn-Waggon aussteigt, weil es dort zu laut und stickig ist. Anna Schneider heißt eigentlich anders, ihren richtigen Namen möchte sie hier nicht lesen, weil sie Stigmatisierung fürchtet. Eindrücke, die andere Menschen aus ihrer Wahrnehmung herausfiltern, nimmt Schneider bewusst wahr - auch wenn sie das gar nicht möchte. "Es ist wie in einem vollen Aquarium. So ein Rauschen. Und ich schwimm da halt so durch", sagt sie. Das Rauschen ist immer da.

Dass sie hochsensibel ist, weiß sie seit einigen Jahren. Damals stand sie am Münchner Stachus, ein ganz normaler Tag - doch auf einmal wurde ihr alles zu viel: Zu viele Eindrücke, zu viel Druck. Ihr war schummrig, die Luft blieb ihr weg, Panik stieg in ihr auf. Plötzlich war da das tiefe Gefühl, nicht zu genügen. Weil sie mit Anfang zwanzig noch keine Vorstellung davon hatte, was sie genau wollte. Und da waren die Menschen, die ihr sagten: "Sei halt nicht immer so empfindlich." Damals wusste Schneider noch nicht, dass sie verletzende Bemerkungen anderer nicht besonders gut filtern kann. Sie dachte: "Okay, Anna, jetzt bist du wahrscheinlich verrückt. So ist das, wenn man in die Klapse kommt."

Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern eine psychologische und neurophysiologische Ausprägung, die sich einigen Experten zufolge bei etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung findet. Zum ersten Mal beschrieben wurde das Phänomen 1996 von der US-amerikanischen Psychologin Elaine Aron. Inzwischen gibt es eine große Menge von Literatur zu dem Thema und auch einen auf Aron zurückgehenden Fragebogen, mit dem Psychologen Hochsensibilität erfassen können. Allerdings gibt es kaum aussagekräftige und methodisch einwandfreie Studien, die erklären können, inwiefern das Gehirn der Betroffenen Reize von außen anders verarbeitet als bei anderen Menschen. Außerdem scheint es, als dass Hochsensibilität verschiedene Facetten annehmen kann.

Schneider ist zum Beispiel besonders empfindlich gegenüber Reizen wie Gerüchen und Geräuschen. Aber auch Hitze, Kälte, Hunger, Durst und soziale Interaktion können sie irritieren und belasten. Für Schneider fühlt sich jeder Tag an wie ein überfülltes Bierzelt auf dem Oktoberfest.

Unverständnis vor allem auf der Arbeitsstelle

Das Rauschen, von dem Schneider spricht, war schon da, als sie noch ein Kind war. Zu dieser Zeit gab es aber in dem behüteten Umfeld, in dem sie aufwuchs, niemanden, der sie deshalb seltsam fand. Da hieß es: "Anna ist schon müde" oder "Anna ist eben neugierig". Ihre Sensibilität wurde nicht als etwas Schlechtes dargestellt.

Erst als sie von Zuhause auszog, weitab von ihrer wohligen Blase lebte, gab es Menschen, die nicht mit ihrer Art klarkamen. Besonders häufig ist sie im Beruf auf Unverständnis gestoßen. Ein Chef echauffierte sich über ihre spezielle Arbeitsorganisation mit Klebezetteln am Schreibtisch. Kolleginnen beschimpften sie, weil sie nach der Arbeit nicht noch mit in die Kneipe wollte. Das ging so weit, dass sich Schneider sogar hinter einer Depression versteckte. Immer wieder hat sie deshalb den Job gewechselt. Dadurch kam sie aber nur "vom Regen in die Traufe", sagt sie. Sie empfand sich oft selbst als ungenügend.