Haustiere Leckerli mit Herztabletten

Normalerweise landen alleingelassene alte Hunde in regulären Tierheimen - ältere Hunde verkümmern dort aber.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Wohin mit dem Hund, wenn er taub und dement wird? Zu Besuch in einem Seniorenheim für Haustiere, die heutzutage auch immer älter werden.

Von Titus Arnu, Berlin

"Komm, Jenny, komm!" Jenny kommt nicht. Dirk Bufé winkt und ruft, aber keine Reaktion. Das liegt nicht daran, dass Jenny schlecht erzogen ist. Sie würde schon hören, aber sie kann nicht mehr. Der Terrier-Mischling ist zwölf Jahre alt - und so gut wie taub. Die anderen Hunde um Jenny herum sind auch nicht viel agiler. Sylvie hat Epilepsie, ab und zu kippt sie einfach um. Ein Chihuahua hebt alle zwei Minuten das Beinchen, das Tier ist inkontinent, so wie viele seiner Artgenossen hier. "Na, ihr Pullerpuppen", sagt Dirk Bufé liebevoll. Die Bewohner dieses speziellen Tierheims in Berlin-Pankow sind halb blind, schwerhörig, sie leiden an Arthritis, Magenbeschwerden und Rheuma. Manche Hunde sind dement, sie stehen unbeteiligt herum und scheinen nicht mehr so recht zu wissen, wo vorne und hinten ist.

Dank hochwertiger Ernährung und guter medizinischer Versorgung werden auch Haustiere immer älter, typische Altersbeschwerden und degenerative Krankheiten nehmen dementsprechend zu. Die Entwicklung in Richtung Überalterung verändert auch die Haustier-Branche. Die hat bereits reagiert, es gibt seniorengerechtes Hundefutter, spezielle Pflegeprodukte und Medikamente für hochbetagte Hunde und Katzen. Doch Einrichtungen wie das "Altenheim für Tiere" und der angeschlossene Vogelgnadenhof sind bislang noch die Ausnahme.

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Einschläfern ist keine Option

Ein weiteres Beispiel für übertriebene Tierliebe? Ein Luxusdomizil für greise Großstadttiere? Eher nicht. Das Altenheim für Tiere liegt zwischen Autobahn und Gewerbegebiet, in einem Wohnhaus mit großem Garten, das Ambiente ist eher bescheiden als feudal. Die Hunde schlafen in einfachen Hütten und im Haus, die Katzen in beheizten Räumen mit Kratzbäumen. Die Betreiber Dirk Bufé und Hartmut Benter arbeiten halbtags bei der Post, den Rest der Zeit kümmern sich die Hundefreunde ehrenamtlich um ihre Gäste. Derzeit beherbergen sie 32 Hunde, 15 Katzen und 300 Vögel.

Das ungewöhnliche Seniorenheim ist die letzte Heimat für pflegebedürftige, kranke und alleingelassene Tiere. In den meisten Fällen war das ehemalige Herrchen oder Frauchen selbst alt und alleinstehend, und wenn nach solchen Todesfällen kein Verwandter das Tier übernimmt, sind die Behörden zuständig. Einschläfern darf man solche übrig gebliebenen Hunde und Katzen nicht, denn nach dem deutschen Tierschutzgesetz darf niemand "einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen". Ein vernünftiger Grund ist nur dann gegeben, wenn ein Weiterleben mit erheblichen, nicht behebbaren Schmerzen und Leiden verbunden ist.

Herztabletten, Schmerzmittel - wie im normalen Altenheim

Normalerweise landen alleingelassene alte Hunde deshalb in regulären Tierheimen. "Ältere Hunde verkümmern dort aber", sagt Bufé. Ein altersschwaches Tier ist kaum noch vermittelbar, und die Tierheimmitarbeiter haben oft nicht genug Zeit, um sich um die Bedürfnisse der älteren Tiere zu kümmern. Solche Kandidaten übernehmen Bufé und Benter dann. In manchen Fällen sind es auch Tiere, die von den Behörden beschlagnahmt wurden, oder gerettete Straßenhunde aus Rumänien. Zusammen mit einem Tierarzt planen sie die medizinische Behandlung. Wie im Altenheim üblich, gehen Benter und Bufé täglich mit einem Tablett voller Medikamente durch das Heim - Herztabletten, Schmerzmittel, Muschelextrakt gegen Verkalkung. Die Kosten sind beträchtlich: Allein die beiden großen Doggen fressen im Monat Futter für 400 Euro weg, dazu kommen die Kosten für Medikamente, Heizung und fürs Gebäude. Ohne Spenden geht hier nichts.

Jede Woche bekommt Bufé 40 bis 50 Anrufe von Privatpersonen und Behörden, die alte Hunde loswerden wollen. Eigentlich würde Bufé gerne jeden aufnehmen, "nur Rolli-Hunde nicht"; für Tiere mit Prothesen und Rollstühlen (auch das gibt es) ist das Gelände nicht geeignet. Der Platz reicht ohnehin nicht aus, Nachbarn beschweren sich über Gebell und Gestank, der Verein ist auf der Suche nach einem neuen Domizil und muss bald umziehen.

Ob dann noch alle Bewohner mitkommen? Jenny, die taube Terrier-Mischling-Hündin, könnte schon noch ein paar Jährchen durchhalten, schätzt Bufé. Der älteste Heimbewohner, ein Rehpinscher, wurde 19, in Menschenjahre umgerechnet also 133 Jahre alt.

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