Gesundheitssystem Es braucht Ideen gegen die Pflegemafia

Überforderungen auf allen Ebenen: In vielen Pflegeheimen und auch in der häuslichen Pflege gibt es eklatante Missstände.

(Foto: dpa)

Muss erst Günter Wallraff undercover aus Altenheimen berichten, damit sich endlich etwas tut in der Pflege? Die Missstände sind himmelschreiend - auch in der häuslichen Pflege. Damit kriminelle Strukturen keine Chance mehr haben, muss sich das System ändern.

Ein Kommentar von Ruth Schneeberger

Ja, es ist schlimm, wenn ein kranker Mensch in seinem Urin und Kot liegen gelassen wird. Es ist erniedrigend, wenn von ihm erst einmal Handybilder geschossen werden, bevor ihm geholfen wird. Und ja, es ist grausam, wenn Alte in Heimen geschlagen oder anderweitig misshandelt werden, darüber geschwiegen wird, und wenn weder Polizei noch Heimaufsicht helfen kann oder will.

Aber all diese Dinge sind schon seit langem bekannt. Sie passieren in deutschen Altenheimen seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Und es ist erstaunlich, dass ein Günter Wallraff auftreten muss, einst König der Undercover-Reportage, inzwischen 71-jährig und für RTL im Einsatz, damit wieder einmal viele Menschen all dessen gewahr werden. Der Zustände - und der fehlenden Konsequenzen. Damit sie aufhorchen, wenn Heimaufsichten und Behörden entweder wider besseres Wissen sagen: Das können wir nicht nachvollziehen. Oder, ehrlicher: Das ist wohl wahr, aber wir können nichts dagegen tun.

Sendung mit Folgen

Was bei der Sendung "Team Wallraff" herauskommen würde, war schon vor ihrer Ausstrahlung am Montagabend klar. Denn Pflegeheime in Deutschland sind - von löblichen Ausnahmen abgesehen - im großen und ganzen Verwahranstalten für Alte und Kranke. Personalschlüssel sind zu niedrig, die benötigte Pflege zu aufwändig, Pfleger und Pflegehelfer unterbezahlt und überfordert, das Pflegegeld reicht hinten und vorne nicht, die teuren Kosten für den Heimplatz versickern irgendwo zwischen Verwaltung, Rendite und - ja, wo denn eigentlich genau? Zwar gab es Reaktionen auf Wallraffs Reportage. Der Verantwortliche eines Altenheims aus dem Film ließ am Dienstag verlauten, das Verhalten seines Personals werde Folgen haben.

Aber die Umstände, die nun wieder einmal empören, sind seit langem bekannt. Überraschend dagegen sind Walfraffs Enthüllungen außerhalb der Heime: Er zeigte, warum häusliche Pflege nicht zwingend besser sein muss, obwohl die Alten und Kranken doch extra in ihrem persönlichen Umfeld belassen werden, wie sie es sich wünschen (auch weil viele Angst vor den Zuständen im Altenheim haben). Er zeigte, wo Teile des Geldes bleiben, das in der Pflege fehlt: in mafiösen Strukturen.

Im RTL-Bericht ist es ein Pflegedienst, der in Berlin Pflegegeld abzockt. Wallraff verkleidete sich als leicht gebrechlich, wird aber vom Pflegedienst und den Gutachtern, darunter Ärzte und Medizinischer Dienst, auf dem Papier zu einem schweren Pflegefall gemacht. Auf einmal ist er ein angeblicher Schlaganfall-Patient. Damit der Pflegedienst sich für Wallraffs vorgebliche Betreuung, die er nie erhalten wird, monatlich 1600 Euro erschleichen kann, werden sowohl die Angehörigen als auch Ärzte und Gutachter mit einem Teil des Geldes bestochen, so der Bericht.

"Das lukrativste Verbrechen, was man sich in Deutschland vorstellen kann"

Dieses Geschäft, das in der Debatte um den Pflegenotstand nur selten thematisiert wird, scheint sich zu lohnen: Bereits 2012 berichteten Medien darüber, dass ein Betrügerring um einen Düsseldorfer Unternehmer mit bis zu fünf Pflegediensten in ganz Deutschland Krankenkassen durch Scheinabrechnungen um mehrere Millionen Euro betrogen haben soll. Bei Wallraff nun sagt nun ein stellvertretender Bezirksbürgermeister aus Berlin: "Das ist das im Moment das lukrativste Verbrechen, was man sich in Deutschland vorstellen kann. Das ist ein Verbrechensmarkt, der völlig risikofrei ist und dabei gewinnbringender als Drogenhandel", so Stephan van Dassel.

Es steht zu befürchten, dass die Pflegedienste, über die bereits in den Medien berichtet wurde, nicht die Einzigen sind. Angehörige und Betroffene, so sie noch dazu in der Lage sind, berichten immer wieder von falschen Abrechnungen ihrer Pflegedienste - da werden etwa blinden Patienten überhöhte Summen zur Unterschrift vorgelegt. Kleinvieh macht eben auch Mist. Viele Betrüger wissen genau, wie sie das Sozialsystem aushebeln können. Weil sie die Zeit haben, sich in ein System hineinzuversetzen, das für Alte, Kranke und deren oft überlastete Angehörige längst zu kompliziert geworden ist.