Gentrifizierung in Deutschland Wohnst du noch oder residierst du schon?

In deutschen Städten machen sich immer mehr Premium-Immobilien breit. Wo früher soziale Durchmischung herrschte, wird heute luxussaniert. Die neuen Wohlstandsparzellen wollen vom angrenzenden Kiez profitieren. Doch was geben sie ihm zurück?

Von Alex Rühle

Als 1998 in Potsdam die sogenannte "Arcadia"-Anlage eröffnet wurde, gab es große Aufregung: ein schmiedeeiserner Zaun! Videokameras! Bombastische Architektur! Und dann noch uniformierte Doormen, die den Villenkomplex an der Havel rund um die Uhr bewachen. Deutschlands erste Gated Community, gebaut ausgerechnet von einem amerikanischen Architekten, jetzt geht es also auch bei uns los mit den abgeschotteten Parallelgesellschaften und Reichenghettos.

Dann aber ließ sich der Verkauf der 43 Wohnungen äußerst schleppend an. Verschiedene Gründe wurden damals für diesen Fehlstart ins Feld geführt: Potsdam gelte noch nicht als seriöser Hotspot, sondern sei irgendwie immer noch Ex-DDR. Andere sagten, es liege am Überangebot an Wohnraum in Berlin oder daran, dass die einzelnen Wohnungen in den acht Stadtvillen der Anlage schlicht zu teuer seien.

Mag ja sein - aber vielleicht gibt es noch eine andere Erklärung. Vielleicht hatte das Bauunternehmen Groth und Graalfs einfach noch nicht den Bogen raus, wie man abgeschottetes Wohnen in Deutschland wirklich verkaufen muss.

Tief verwurzeltes Durchmischungsideal

Die Sicherheit der Anlage wurde dermaßen penetrant betont, dass das Ganze aus der Ferne mehr nach Hochsicherheitstrakt in Johannesburg oder betreuter Einzelhaft klang denn nach entspanntem Wohlstandswohnen an der Havel. Weshalb es um das Thema Gated Communities nach einigen Fachtexten, die um die Jahrtausendwende erschienen sind, wieder still wurde. Hat schließlich nicht wirklich geklappt in Potsdam, also gibt es so etwas hierzulande auch nicht.

Gab es ja auch lange nicht. Deutsche Städte waren, spätestens seit der preußische Stadtplaner James Hobrecht 1868 das Ziel vom "empfehlenswerten Durcheinanderwohnen" aller Schichten ausgab, stets Integrationsmotoren. Natürlich gab es Schlafstädte und Arbeiterviertel, Speckgürtel, Villengegenden und Problemzonen.

Dennoch ist in der Wohnungswirtschaft der Nachkriegszeit das sogenannte Durchmischungsideal zutiefst verwurzelt - und so ziemlich jeder deutsche Kommunalpolitiker hat mal den Satz gesagt von der Stadt, die doch für alle da sein solle. Ergo kamen alle zu dem Schluss: klar, weltweit boomt nichts so wie die streng geschlossenen, homogenen Wohnsiedlungen, in Deutschlands Immobilienbranche aber waltet der Geist der Sozialdemokratie.

Man kann derzeit alles verkaufen, das Wände und ein Dach hat

Wenn man nun aber die Immobilienanzeigen unserer Tage liest, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Da baut sich was zusammen. Zumindest im sogenannten "Premium-Segment", wie die gehobenen Immobilien in der Bauherrensprache heißen. Nein, das bedeutet immer noch nicht, dass hierzulande allerorten Gated Communities entstehen. Aber es ist sehr interessant, was neuerdings stattdessen massiv in den Stadtraum drängt. Und es ist erst recht interessant, wie all diese Objekte beworben werden.

Nun kann man ja momentan ohnehin alles verkaufen, was aus Mauern ist und ein Dach hat. Dank der Finanzkrise herrscht in der Baubranche Goldgräberstimmung wie nie zuvor. Was heute ausgeschrieben wird, ist morgen weg. Jürgen Schorn, Geschäftsführer von Bauwerk Capital, sagte im April auf der Münchner Immobilienmesse über das Interesse an einem seiner Häuser: "Der Markt hat das Objekt mit großem Genuss aufgenommen." Auf besagter Messe, die in diesem Jahr einem Champagnerempfang glich, so ausgelassen war die Stimmung, schwärmte eine Mitarbeiterin der Zeitschrift Bellevue, Spanien sei "ja leider überhaupt nicht mehr brauchbar, aber Deutschland - der Wahnsinn, was da abgeht!"