Gendern in der Sprache Ein Sternchen für alle

Die Politiker*innen der Grünen wollen künftig ein Gendersternchen setzen, um Diskriminierung zu vermeiden. Schön ist das nicht - aber richtig.

Kommentar von Matthias Kohlmaier

In Deutschland kann prinzipiell jeder alles werden, völlig unabhängig vom Geschlecht: es gibt Schornsteinfegerinnen und Erzieher, Kosmetiker und Fernfahrerinnen. Gut für uns, möchte man sich nun auf die Schulter klopfen, ein feines, liberales, aufgeschlossenes Land sind wir. Dabei zeigt eigentlich schon diese Aufzählung von Berufen, dass die Sache mit der Geschlechtergleichheit so einfach nicht ist.

Denn mal ehrlich: Der Beruf Kosmetiker, ebenso wie die Fernfahrerin, klingt hauptsächlich deshalb besonders, weil man für beide Jobs das jeweils andere Geschlecht vor Augen hat. Das liegt zum einen an der Realität: Nur wenige Männer pudern der Kundschaft tagtäglich die Wangen, noch weniger Frauen übernachten im stickigen Lkw auf Autobahnparkplätzen.

Aus Tradition und Bequemlichkeit

Dass sich Geschlechtsstereotype aber auch dann hartnäckig halten, wenn die Realität nicht mehr einseitig ist, hat auch mit der deutschen Sprache zu tun. Denn hierzulande ist es nicht wie im Englischen, wo ein doctor nunmal ein doctor ist, egal ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Das Deutsche bietet die Möglichkeit, eine Berufsbezeichnung mit Informationen über das Geschlecht der gemeinten Person zu versehen. Aus einer Mischung von Tradition und Bequemlichkeit heraus kümmert das aber kaum jemand. Höchstens wenn es explizit um eine oder mehrere Frauen geht, hängen wir das -in oder -innen an (und oft nicht einmal dann).

Das generische Maskulinum, also die männliche Form als Bezeichnung für alle gemeinten Personen, ist noch immer in den meisten schriftlichen Texten üblich. So setzt sich früh das Bild von männlich dominieren Bereichen im Bewusstsein fest, auch wenn die Verfasser der Texte für sich reklamieren, dass die männliche Form doch auch Frauen miteinbeziehe. Was bei genauerem Nachdenken und auch ganz ohne feministische Brille aber nicht funktioniert - oder welche Bilder tauchen in Ihrem Kopf auf, wenn Sie das Wort Anwalt, Chefarzt oder Parteivorsitzender lesen?

Die Partei der Grünen achtet hier schon lange auf sprachliche Genauigkeit und verwendete bei Schriftstücken bislang gegenderte Formen wie das Binnen-I (ÄrztInnen) oder beide Formen (Ärztinnen und Ärzte). Auf ihrem Parteitag haben sie nun beschlossen, dass das nicht genug ist. "Transsexuelle, transgender und intersexuelle Personen würden so unsichtbar gemacht und diskrimiert", heißt es in dem entsprechenden Antrag, dem der Parteitag am Sonntag mit großer Mehrheit zustimmte. Abhilfe soll das Gendersternchen schaffen - und das funktioniert dann so:

Antrag der Grünen zum Gendern in der Sprache Grüne, Sprache, Geschlechtergerechtigkeit

(Foto: Bündnis 90/Die Grünen)

"Sprachvergewaltiger", werden die einen nun motzen, während sich Aktivistinnen und Aktivisten über ein Signal gegen Diskriminierung freuen werden. Recht haben beide Seiten. Gendern in der Sprache ist tatsächlich umständlich, selten schön anzusehen und es bremst den Lesefluss, zumindest bis sich die Leserinnen und Leser daran gewöhnt haben. Es trägt allerdings auch sich wandelnden Lebenswelten und mannigfaltigen wissenschaftlichen Studien Rechnung, die belegen, dass das generische Maskulinum der gleichberechtigen Wahrnehmung von Mann und Frau abträglich ist.

Auch geschlechterneurtrale Sprache wird verstanden

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben zum Beispiel 2008 nachgewiesen, dass Menschen, wenn sie in einem Satz ein vermeintliches generisches Maskulinum lesen, eher zur Schlussfolgerung neigen, es sei auschließlich von Männern und nicht von Personen beiderlei Geschlechts die Rede (eine detaillierte Analyse der Studie hat der Blogger Anatol Stefanowitsch verfasst). Andere Experimente zeigen, das Texte mit geschlechterneutraler Sprache von Probandinnen und Probanden ebenso gut verstanden und erinnert werden wie Texte im generischen Maskulinum.

Sprache kann nicht nur verletzen, sie kann auch einen längst überholten gesellschaftlichen Status zementieren. Deshalb ist die Diskussion um Frauen, Männer und Menschen, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen können oder wollen, sowie eine Diskussion um sprachliche Formulierungen, von denen sich alle gemeint fühlen, richtig und wichtig.

Ob es nun gleich das Gendersternchen sein muss? Etwas mehr sprachliche Genauigkeit statt dem starren Festhalten an der männlichen Form als Norm wäre für den Anfang auch schon mal was.

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