G-20-Gipfel in Hamburg Stell dich an die Ecke

Die Demonstranten beim G-20-Gipfel nutzen das "Cornern" als neue Protestform.

(Foto: REUTERS)

Eigentlich kommt das Cornern von Jugendgangs aus der New Yorker Bronx. Die Demonstranten beim G-20-Gipfel in Hamburg nutzen das öffentliche Herumstehen an Straßenecken gerade als neue Protestform.

Von Oliver Klasen

Schon ein gutes Gefühl, wenn das Feierabendbierchen nicht nur Belohnung für des Tages Müh ist, sondern auch noch einem guten Zweck dient. Es gab mal eine Brauerei, die damit warb, mit dem Kauf jeder Kiste werde ein Stück Regenwald aufgeforstet. Aber so viele Flaschen hätte man gar nicht trinken können, als dass davon jemand profitiert hätte - mal abgesehen vom Hersteller.

Inzwischen hat man eine andere Möglichkeit gefunden, sich mit Hilfe einer Bierflasche als besserer Mensch zu fühlen: das sogenannte "Cornern". Man stellt sich an die Straßenecke, am besten in der Nähe eines Kiosks, dann gibt es keine Probleme mit dem Nachschub. Viele andere Menschen stehen da auch und tun das Gleiche. Ruckzuck ist der Platz besetzt - eine riesige, spontane Stehparty.

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Die Demonstranten beim G-20-Gipfel nutzen das Cornern jetzt als neue Protestform. 20 000 Polizisten aus dem ganzen Land hat Hamburg mobilisiert, fast in der gesamten Innenstadt herrscht Demonstrationsverbot, aber hey, Herumstehen und Biertrinken ist ja keine Demonstration und deshalb erstmal nicht verboten.

Die Idee in ihrer Urform kommt aus New York, späte Siebziger-, frühe Achtzigerjahre. In der damals heruntergekommenen Bronx trafen sich rivalisierende Gangs an den Straßenecken, den Corners. Anstatt sich gegenseitig zu verprügeln, Drogen zu nehmen oder Passanten die Handtasche zu stehlen, traten Jugendliche im Breakdance gegeneinander an. Eine Mischung aus Popkultur, Kunst und Protestbewegung entstand, mit der die Bronx-Kids auf ihre Perspektivlosigkeit aufmerksam machten.

"Anecken statt Wegducken" heißt der Slogan der G-20-Gegner in Hamburg. Es ist eine Form des Widerstandes, die auch jene mobilisieren könnte, die sonst eher nicht an Demonstrationen teilnehmen.

Wenn der G-20-Gipfel vorbei ist, wird das Cornern womöglich sogar massentauglich. Ein paar jugendliche Hipster in den Großstädten verwenden das Wort schon seit ein, zwei Jahren. Der Rest der Republik sagt zwar noch nicht Cornern, tut es aber: In Köln zum Beispiel ist das Kölsch vor dem Büdchen schon etabliert. Auch Berlin bietet ideale Voraussetzungen. In München scheitert das flächendeckendende Cornern bisher an der Unterversorgung mit Kiosken. Außerdem eignet sich der Gärtnerplatz, wo sich im Sommer viele Jugendliche zum Biertrinken versammeln, bauartbedingt schlecht zum Cornern. Er ist nämlich rund.

Um sich von dumpfen Herumlungerern abzugrenzen, müssten die Großstadtbewohner ihre Eckenparty allerdings mit Bedeutung aufladen. Cornerer stehen nicht einfach herum, sie holen sich ein Stück Öffentlichkeit zurück. Sie setzen ein Zeichen gegen Gentrifizierung. Sie protestieren gegen die Getränkepreise, obwohl sie sich die Dreizehnfünfzig für den Gin Tonic locker leisten können.

Mehr Tanztee als Bronx

Zu klären wäre außerdem, ob Cornern erweitert werden sollte auf das "Bridgen", das gepflegte Beisammensein auf der Brücke. Aber das erinnert womöglich dann doch zu sehr an Tanztee mit Oma als an coole Hip-Hopper in der Bronx.

Viele kennen das Cornern übrigens aus Städten wie Barcelona. Dort heißt es Botellón, benannt nach den Flaschen, die die Eckensteher selbst mitbringen. Der Vorteil an Barcelona ist, dass die Häuser an fast jeder Straßenecke abgeschrägt sind, so dass herrlich viele kleine Plätze entstehen. Der Nachteil ist, dass Anwohner manchmal einen vollen Eimer Wasser hinunterkippen, wenn es ihnen zu laut wird. Außerdem hat die Stadtreinigung vor einigen Jahren die Angewohnheit entwickelt, alle größeren Plätze mitten in der Nacht mit Hochdruckreinigern abzuspritzen, was die Botellón sehr ungemütlich machen kann.

Die Hamburger Polizei könnte am Wochenende auf die gleiche Idee kommen: Wasserwerfer stehen bereit. Doch zum Glück, das sei allen Cornerern zur Beruhigung gesagt, sind die Deutschen dafür viel zu sparsam im Umgang mit Wasser.

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