Expertentipps zur Erziehung Wenn Trinken cool sein soll
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Süddeutsche.de: Im Sinn von "Ist nicht so schlimm, ist ja nur Alkohol und keine harte Droge"?
Kühn: Und im Sinn von "Das habe ich ja selbst alles gemacht". Es hilft, wenn Eltern sachlich bleiben und sich gut informieren, zum Beispiel bei der Bundesanstalt für gesundheitliche Aufklärung. Wie gesagt, Eltern sind Vorbilder, da sind Saufgeschichten aus der Vergangenheit wenig hilfreich.
Süddeutsche.de: Nur sind nicht nur die Eltern Vorbilder, sondern auch die betrunkenen Freunde.
Kühn: Wenn der Jugendliche in der Familie Anerkennung findet und bei anderen Freunden oder in einem Verein, ist er stark genug, sich gegen eine Gruppe zu entscheiden, die nur den akzeptiert, der sich betrinkt. Möglicherweise wird er zuerst seine Erfahrungen machen müssen, dann aber die Kraft haben, andere Freunde zu suchen. Oder er ist stark genug, auch in dieser Gruppe bei seinem "Nein" zu bleiben - dann wird das meist respektiert.
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Süddeutsche.de: Nun kommt der Teenager trotzdem mehr als angeheitert nach Hause. Wie reagieren die Eltern richtig?
Kühn: Wenn Jugendliche mal zu viel getrunken haben, werden sie ja nicht gleich zum Junkie. Trotzdem sind die Eltern verständlicherweise aufgebracht, entsetzt und enttäuscht. Wer sein Kind in diesem Moment aber mit Vorwürfen traktiert, erreicht nur eines: Der Jugendliche zieht sich zurück. Das ist natürlich wenig hilfreich.
Süddeutsche.de: Wie machen es Eltern besser?
Kühn: Halten Sie sich zurück bis zum nächsten Tag, wenn der Rausch vorbei ist, dann ist Zeit für ein Gespräch. Wichtig ist, dass die Eltern erst mal ihre Ängste erklären, um den Jugendlichen klarzumachen, dass sie sie nicht kontrollieren wollen, sondern sich Sorgen um sie machen. Aber dass mit der Freiheit, die Jugendliche fordern, auch Pflichten und Verantwortung einhergehen, nämlich für sich selbst und die eigene Gesundheit. Wenn Teenager im Gespräch zugeben, Drogen genommen oder sich schon öfter betrunken zu haben, ist es am besten, wenn Eltern nicht wütend werden. Sondern dieses Geständnis als Vertrauensbeweis würdigen.
Süddeutsche.de: Manche Jugendliche sagen aber nicht "Nein" zum Alkohol, sondern finden, sich zu betrinken gehört dazu.
Kühn: Wenn man das hinterfragt, ist das oft gar nicht so. Das ist ähnlich wie beim ersten Sex: Einige denken, sie müssten das jetzt machen, weil sie "schon" 14 Jahre alt sind, weil die anderen behaupten, alles schon erlebt zu haben. Die Wahrheit ist aber oft eine andere. Also ist es hilfreich, wenn Eltern ihr Kind auch beim Alkohol fragen: "Willst du das, weil alle trinken?" Und dann hören Sie sich als Eltern erst mal an, was der Jugendliche dazu zu sagen hat. Vielleicht wird ihm so bewusst, dass er trinkt, weil andere trinken, nicht weil er das selbst möchte. Eine wichtige Erkenntnis.
Süddeutsche.de: Wenn aber nun das eigene Kind plötzlich Gefahr läuft, zum "Komasäufer" zu werden?
Kühn: Wenn sich 15-Jährige auf Klassenfahrt mit Wodka fast bewusstlos trinken und die Eltern sie abholen müssen, empfinden das viele Eltern als große Schande und beschimpfen das Kind. Dabei ist hier die Konsequenz, von den Eltern abgeholt zu werden und nicht weiter bei der Klassenfahrt dabei sein zu dürfen, für das Kind schlimm genug. Also wieder abwarten, bis der Alkohol aus dem Blut ist, sich freuen, dass nichts Schlimmeres passiert ist und sich dann dafür interessieren, wie es so weit kommen konnte: "Ich habe mich gewundert, dass das vorgefallen ist. Lass uns überlegen, was geschehen soll, dass ich dir wieder vertrauen kann." Also im Gespräch bleiben, die Beziehung zum Kind festigen - und nicht bestrafen. Das Ganze totzuschweigen und dem Kind mit Nichtbeachtung und Liebesentzug zu begegnen, ist übrigens auch Strafe. Es wird nur dazu führen, dass das Kind den Eltern weiter zeigen wird, dass es letztlich machen kann, was es will - auch sich selbst Schaden zufügen.