Expertentipps zur Erziehung "Ein Party-Verbot schadet eher"

Süddeutsche.de: Aber bei drängenden Nachfragen verschließen sich viele Teenager doch eher?

Kühn: Es hilft nicht, wenn die Eltern zum spanischen Inquisitor werden. Wichtig ist jedoch, dass sie Interesse an ihrem Kind zeigen. Der Jugendliche hat einen Fehler gemacht und eine falsche Entscheidung getroffen. Beim nächsten Mal hat er die Chance, sich zu bewähren und sich anders zu entscheiden - gegen das Betrinken.

Süddeutsche.de: Also kein Party-Verbot und Hausarrest?

Kühn: Wenn der Jugendliche wochenlang nicht weg darf, wird er natürlich trotzig und zeigt den Eltern, wer am längeren Hebel sitzt - und das sind nicht die Eltern. Wir können die Jugendlichen ja nicht festhalten. Sondern ihnen zeigen, dass wir für sie da sind und dass sie trotz ihres Fehlers keine schlechten Menschen sind. Zum verantwortungsvollen Handeln gehören Fehler und der Umgang damit dazu. Wenn ein Kind aber regelmäßig Drogen nimmt oder betrunken ist, dürfen die Eltern nicht Vogel Strauß spielen, sondern müssen aktiv werden. Am besten zusammen mit dem Teenager. Aber selbst wenn er nicht mitgeht, ist es entscheidend, dass sich die Eltern bei der Drogenberatungsstelle oder in Selbsthilfegruppen informieren, wie sie ihrem Kind helfen können. Schließlich ist das auch eine neue Erfahrung für die Eltern, da brauchen sie Rat.

Süddeutsche.de: Manche Eltern halten es für eine gute Idee, gemeinsam mit ihren Kindern Alkohol zu trinken, um sie damit vertraut zu machen. Was halten Sie davon?

Kühn: Ich gehe mal davon aus, dass sich niemand mit seinen Kindern besäuft. Ansonsten raten wir den Eltern, sich an die Gesetzeslage zu halten: 14- bis 15-Jährige dürfen Bier, Wein und Sekt in Begleitung der Eltern trinken, über 16-Jährige auch ohne. Harte Spirituosen, auch Mixgetränke, sind erst ab 18 Jahren legal. Wenn also der 16-Jährige zum Essen auch ein Bier möchte, warum nicht?

Süddeutsche.de: Nun überlegt man im Familienministerium, das Ausgehverbot für Jugendliche zu verschärfen: Dann könnten unter 16-Jährige Veranstaltungen wie Fanmeilen, bei denen Alkohol ausgeschenkt wird, von 20 Uhr an nur noch in Begleitung ihrer Eltern besuchen - über 16-Jährige von 24 Uhr an. Kann das Teenager vom Trinken abhalten?

Kühn: Der Rahmen, den der Jugendschutz bereits steckt, reicht eigentlich aus. Wenn die Eltern überall mitmüssen, empfinden Jugendliche das als übergroße Kontrolle, dass die Eltern sie nicht loslassen. Dann können die Teenager auch nicht beweisen, dass sie vertrauenswürdig sind. Das Leben birgt Risiken und sie müssen lernen, damit umzugehen. Da ist nicht die Begleitung wichtig, sondern das Gespräch vorher, in dem man die Risiken erläutert: Zum Beispiel dass es K.-o.-Tropfen gibt, weshalb man sein Glas immer bei sich behalten sollte und nicht abstellen und im Zweifelsfall besser ein neues Getränk kauft. Wer sich in die Bedürfnisse seines heranwachsenden Kindes einfühlt, übergibt ihm Verantwortung und traut ihm etwas zu. Wenn sich Jugendliche beweisen können, aber auch Fehler machen dürfen, gewinnen sie an Selbstvertrauen. Nur dann können sie an der richtigen Stelle "Nein" sagen und haben es nicht mehr nötig, sich mit Drogen zu betäuben. So wird auch die Hürde der Adoleszenz genommen - von Eltern und Kind.

Die ehemalige Gymnasiallehrerin und Manager-Trainerin Trudi Kühn führte gemeinsam mit Roxana Petcov das Erziehungstraining STEP in Deutschland, Österreich, Luxemburg, Belgien und in der deutschsprachigen Schweiz ein. Das US-amerikanische STEP-Programm (Systematic Training for Effective Parenting) soll Eltern, aber auch Erziehern und Lehrern "durch mehr Handlungs- und Erziehungskompetenz zu mehr Gelassenheit im Alltag" verhelfen.

Wenn Jugendliche anfangen, ein wenig oder auch mehr Alkohol zu trinken, bekommen Eltern Angst. Schließlich waren sie selbst einmal jung und wissen, was sie betrunken getan haben: die Erziehungskolumne "Kinder - der ganz normale Wahnsinn".