Expertentipps zur Erziehung "Hilfe bei Erwachsenen suchen ist nicht petzen"

Manche Kinder haben nicht gelernt, sich gegen andere zu behaupten und werden so zu einem leichten Ziel von Schikanen.

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Kinder werden immer wieder mit anderen Kindern konfrontiert, die ihnen etwas wegnehmen oder sogar aggressiv werden, seien es Kleinkinder oder Schüler. Wie auch Schüchterne lernen, sich ohne Gewalt zu wehren, erklärt Professor Manfred Cierpka im Interview.

Von Katja Schnitzler

Der Rabauke von nebenan verschwindet mit dem Lieblingsspielzeug des Sohnes, und der steht nur hilflos da. Auch später in der Grundschule kann er mit dem gutgemeinten Rat der Eltern, "Wehr dich doch!", nicht viel anfangen. Warum Aggression die falsche Antwort auf Gewalt ist, erklärt Manfred Cierpka. Er ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie an der Uniklinik Heidelberg und hat das Konzept "faustlos" mitentwickelt, das in Kindergärten und Schulen einen gewaltfreien, empathischen Umgang der Kinder untereinander fördern soll.

SZ.de: Viele Eltern bringen ihren Kindern bei, Konflikte mit Worten und nicht mit Fäusten zu lösen. Leider aber nicht alle Eltern, so dass die gut erzogenen Kinder plötzlich mit anderen konfrontiert werden, die Gewalt einsetzen, um ihr Ziel zu erreichen. Welche Möglichkeiten hat ein Kind in dieser Situation?

Manfred Cierpka: Das Schwierigste für ein Kind in dieser Lage ist es, selbst ruhig zu bleiben, nicht zurückzuschlagen und mit dem eigenen Zorn klarzukommen. Nur dann kann es als zweiten Schritt überlegen, was es jetzt tun könnte. Erst im dritten Schritt entscheidet sich das Kind, wie es das Problem zu lösen versucht, etwa indem es verbal eine Grenze setzt: "Ich will nicht, dass du mich schlägst." Wenn es damit überfordert ist, sollte es sich Hilfe bei einem Erwachsenen suchen. Auch diese Entscheidung ist ein Stopp-Signal für das andere Kind und ein Teil der Lösung.

Einige Erwachsene wissen dann nur einen Rat: "Wehr dich und schlag zurück!"

Da gibt es doch bessere Wege. Wer Aggression mit Aggression beantwortet, steigert die Gewalt - sei es physische oder psychische - nur noch weiter. Schließlich wollen wir sozial kompetente Kinder und später auch Erwachsene und keine Menschen, die sich aufs Faustrecht berufen oder andere mobben.

Wie können Eltern ihren Kindern das richtige, verbale Wehren vermitteln?

Sie sollten zeigen und erklären, dass es völlig natürlich ist, erst einmal wütend zu werden. Doch wenn ein Kind lernt, auch durch das Vorbild der Eltern, seine Gefühle in Worte zu fassen und sich sprachlich zu wehren, wird es selbstbewusster. Da merken auch die anderen Kinder: Das ist ein starkes Gegenüber, kein schwaches. Und als Opfer werden immer die Schwachen gesucht. Sei es von Jungen, die eher körperliche Gewalt einsetzen, oder von Mädchen, die andere verbal schikanieren - was genauso verletzt.

Wenn Kinder von anderen gehänselt oder geschubst werden, zum Beispiel auf dem Schulweg oder im Pausenhof - wie reagieren sie dann richtig?

Ebenfalls durch ein verbales Stopp-Schild, das schon mal signalisiert: Ihr könnt das nicht mit mir machen. "Ich will nicht, dass ihr so etwas zu mir sagt", ist schon eine klare Ansage. Dann sollte sich das Kind aus der Situation entfernen und wieder einem Erwachsenen anvertrauen. So merken die Aggressoren, dass ihr "Opfer" die schlechte Behandlung nicht einfach hinnimmt.