Expertentipps zur Erziehung "Die Väterzeit ist ein Geschenk"

Sollten Väter eine Auszeit vom Beruf nehmen, um sich ihrem Kind zu widmen? Und was hat die Familie überhaupt davon? Diplom-Pädagoge Ansgar Röhrbein über die Elternzeit - und über hartnäckige Väter, unwillige Kinder und übervorsichtige Mütter.

Interview: Katja Schnitzler

In den ersten drei Lebensjahren eines Kindes haben Väter und Mütter Anspruch auf Elternzeit, aber nur für 14 Monate gibt es Elterngeld. Ob sich mehr die Mutter oder mehr der Vater oder beide gemeinsam um das Kind kümmern, bleibt den Eltern überlassen. Das dritte Jahr der Elternzeit kann aufgespart und muss erst bis zum achten Lebensjahr des Kindes genommen werden. Für welchen Zeitpunkt sich die Eltern auch entscheiden: Diplom-Pädagoge Ansgar Röhrbein erklärt, warum Väter in Elternzeit gehen sollten und wie diese Zeit möglichst lange nachwirkt.

Süddeutsche.de: Was haben Kinder davon, wenn Väter in Elternzeit gehen?

Ansgar Röhrbein: Sie lernen schon früh, dass ihnen zwei kompetente Bezugspersonen zur Seite stehen, die sich jeweils auf unterschiedliche Weise ihren Bedürfnissen annehmen. Das ist eine Erfahrung, die dem Kind Sicherheit gibt.

Süddeutsche.de: Und wie profitieren die Väter?

Röhrbein: Sie wissen nun, dass Haushalt und Kinderpflege sehr viel Zeit brauchen und sie das auch hinkriegen. Die gemeinsame Zeit ist intim und hilfreich, um die Beziehung zwischen Vater und Kind zu intensivieren: Wenn Väter merken, dass sie ihren Kindern in allen Lagen Gutes tun können, macht das nicht nur stolz, sondern ist auch sehr verbindend.

Süddeutsche.de: Wie alt sollte das Kind idealerweise während der Vätermonate sein?

Röhrbein: Es ist ein Geschenk für alle, wenn Väter in den ersten sechs bis acht Wochen daheim sein können und nicht nur die Mutter unterstützen, sondern auch ihr Kind kennenlernen. Und der Partnerschaft tut es gut, wenn die Eltern die erste Zeit gemeinsam stemmen. Ist der eine da, wenn dem anderen die Kraft ausgeht, hat das partnerschaftlich einen immensen Wert - und das kommt ja wieder dem Kind zugute. Ein zweiter spannender Zeitpunkt für die Vätermonate ist nach den ersten sechs Monaten, dann stehen gewaltige Entwicklungsschritte an: Das Baby lernt sitzen, krabbeln und seine Umgebung ganz anders wahrzunehmen und zu entdecken. Väter übernehmen nach dem Stillen auch gerne die ersten Breimahlzeiten. Aber auch schon vorher, wenn die Mutter noch stillt, kann ein Vater zum Beispiel das Einschlafritual mit dem Kind übernehmen. Das ergibt eine ganz andere Form der Verbindung, als wenn der Vater in dieser Zeit das Feld der Mutter überlässt.

Süddeutsche.de: Einigen Müttern fällt es aber schwer, die Verantwortung an den Vater abzugeben. Welche Fehler sollten die Frauen vermeiden?

Röhrbein: Das klassische Nachwischen und dauernde Korrigieren! Wie oft mag sich das ein Mann anhören, bis er sagt, dann mach es doch lieber selbst? Wenn Väter anders mit dem Kind umgehen, muss das nicht falsch sein. Es ist anders, aber trotzdem gut. Also sollten Mütter bremsende Bemerkungen für sich behalten und Väter und Kinder einfach mal probieren lassen. Natürlich werden und müssen Väter nicht alles wissen können. Sie sollten aber nicht gleich ein Rundum-sorglos-Paket für die Elternzeit geschnürt bekommen, sondern ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen.

Süddeutsche.de: Manche Kinder sind wenig begeistert, wenn statt der Mutter plötzlich der Vater sie füttern, wickeln und trösten will. Wie können Väter mit dieser Ablehnung umgehen?

Röhrbein: Die Väter sollten ihre eigene Ungeduld zügeln und der vielleicht berechtigten Skepsis des Kindes mit liebevoller Hartnäckigkeit begegnen. Das Kind braucht Zeit, der Vater auch. Wer das abmildern will, sollte schon vor der Väterzeit kleine verbindliche Beziehungs-Rituale in den Alltag einbauen, zum Beispiel eine feste Zeit am Samstagvormittag, die nur Vater und Kind gehört.