Experten-Tipps zur Erziehung "Bei Tisch darf es nicht nur um Fehler gehen"

Kein Schmatzen, kein Rülpsen und bitte sitzen bleiben: Mahlzeiten können für Eltern anstrengend sein, wenn sie ihren Kindern Tischmanieren beibringen wollen. Knigge-Expertin Elisabeth Bonneau erklärt, wie Mütter und Väter mit kleinen Tricks ans Ziel kommen.

Interview: Katja Schnitzler

"Nimm die Gabel! Schmier dich nicht so voll! Bleib sitzen!" Das ist nicht die Art Gespräch, das Eltern und Kinder beim Essen führen wollen.

(Foto: ogolne - Fotolia)

Das eine Kind schnappt sich das Fischstäbchen des Geschwisterchens, das andere Kind drückt mit dem Finger Erbsen in den Kartoffelbrei. Mütter und Väter, die Wert auf gutes Benehmen bei Tisch legen, mahnen, erinnern, warnen. Und sind manchmal kurz davor, einfach aufzustehen und künftig alleine zu essen. Elisabeth Bonneau, Kommunikationsexpertin und Autorin zahlreicher Knigge-Ratgeber, rät zu kleinen Spielen beim Essen - damit die Familie nicht die Freude am gemeinsamen Mahl verliert.

SZ.de: Essen mit der Familie soll ein Gemeinschaftserlebnis sein, bei dem Zeit für Gespräche bleibt. Doch oft besteht die Unterhaltung nur aus Ermahnungen der Eltern: "Schmatz nicht! Bohr nicht mit den Fingern im Essen! Iss über dem Teller!" Was läuft da falsch?

Elisabeth Bonneau: Kinder haben ein Recht auf Erziehung, die sie nicht einengt, aber ihnen ermöglicht, ihren weiteren sozialen Weg ohne Schaden zu gehen. Doch bei Tisch geht es dabei oft nur um ihre Fehler. Wer lobt denn, wenn sauber gegessen wurde? Das Schimpfen bricht oft wie ein Gewitter über die Kinder herein: Eine Zeitlang wird nicht so sehr auf Tischmanieren geachtet, dann kündigt sich die Tante an - die Eltern werden wieder streng. Und herrschen die Kleinen plötzlich an: "Sitz gerade!"

Was können Mütter und Väter besser machen?

Zunächst einmal sollten sie selbst gute Vorbilder sein: Ein Vater, der seinen Sohn mit vollem Mund anschnauzt, er solle sich ordentlich hinsetzen, ist doch eine Lachnummer. Eltern können mit ihren Kindern aushandeln, wie es bei Tisch zugehen soll. Und ihnen ruhig sagen, dass sie sich Sorgen machen, dass andere später mal nicht gerne mit ihnen essen werden, wenn sie die grundlegenden Verhaltensweisen nicht gelernt haben. Wer genießt schon seine Mahlzeit neben einem Sitznachbarn, der schmatzt? Wenn Eltern mit Kindern gemeinsam Spielregeln aufstellen, werden sie viel eher befolgt.

Aber Kinder vergessen selbst eigene Regeln immer wieder. Und schon droht das nächste Ermahnungs-Gewitter ...

Die Eltern sollten zwar nicht die Tischregeln lockern, aber sich selbst ein wenig entspannen. Wenn sie die Situation nicht so bierernst nehmen, kommen sie auch auf ganz einfache Spielchen, mit denen Kinder Benimm beim Essen lernen.

Zum Beispiel?

Die Familie kann "ganz feine Leute" spielen, eine weiße Decke auflegen, schön decken. Wer am längsten ohne Flecken auf dem Tuch durchhält, darf den Nachtisch am nächsten Tag bestimmen. Ein anderes Mal dürfen die Kinder ganz bewusst Kleinkind spielen und mit den Fingern essen - aber alles. Dann sind sie das nächste Mal vielleicht froh, eine Gabel zu haben. Mit solchen kleinen Theaterspielen wird Kindern der Unterschied bei Tischsitten bewusst.

Allerdings können Eltern nicht jedes Mal das Essen in Szene setzen. Welche Tipps helfen im Alltag weiter?

Bewahren Sie Ihren Humor. Kleine Reime helfen weiter, zum Beispiel wenn das Kind beim Essen immer die Arme abspreizt: "Ellenbogen, Ellenbogen, sei doch nicht so ungezogen!" Dann benimmt sich der Ellenbogen daneben und wird getadelt und nicht das Kind, das dann als "Bestimmer" seinen Ellenbogen wieder zurechtrücken kann. Oder man denkt sich kleine Spiele aus, etwa "Katz und Maus": Die Kinder sollen sich vorstellen, auf ihrem Schoß säße eine Katze. Die dürfen sie nicht zerquetschen, indem sie wie ein nasser Sack an der Tischkante hängen. Aber auch das Mäuschen in ihrem Rücken braucht Platz - das hat es nicht, wenn das Kind an der Lehne hinabrutscht. Am Anfang können dabei Stofftiere helfen.