21. Januar 2013 11:42 Expertentipps zur Erziehung "Hilfe bei Erwachsenen suchen ist nicht petzen"

Von Katja Schnitzler

Kinder werden immer wieder mit anderen Kindern konfrontiert, die ihnen etwas wegnehmen oder sogar aggressiv werden, seien es Kleinkinder oder Schüler. Wie auch Schüchterne lernen, sich ohne Gewalt zu wehren, erklärt Professor Manfred Cierpka im Interview.

Der Rabauke von nebenan verschwindet mit dem Lieblingsspielzeug des Sohnes, und der steht nur hilflos da. Auch später in der Grundschule kann er mit dem gutgemeinten Rat der Eltern, "Wehr dich doch!", nicht viel anfangen. Warum Aggression die falsche Antwort auf Gewalt ist, erklärt Manfred Cierpka. Er ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie an der Uniklinik Heidelberg und hat das Konzept "faustlos" mitentwickelt, das in Kindergärten und Schulen einen gewaltfreien, empathischen Umgang der Kinder untereinander fördern soll.

SZ.de: Viele Eltern bringen ihren Kindern bei, Konflikte mit Worten und nicht mit Fäusten zu lösen. Leider aber nicht alle Eltern, so dass die gut erzogenen Kinder plötzlich mit anderen konfrontiert werden, die Gewalt einsetzen, um ihr Ziel zu erreichen. Welche Möglichkeiten hat ein Kind in dieser Situation?

Manfred Cierpka: Das Schwierigste für ein Kind in dieser Lage ist es, selbst ruhig zu bleiben, nicht zurückzuschlagen und mit dem eigenen Zorn klarzukommen. Nur dann kann es als zweiten Schritt überlegen, was es jetzt tun könnte. Erst im dritten Schritt entscheidet sich das Kind, wie es das Problem zu lösen versucht, etwa indem es verbal eine Grenze setzt: "Ich will nicht, dass du mich schlägst." Wenn es damit überfordert ist, sollte es sich Hilfe bei einem Erwachsenen suchen. Auch diese Entscheidung ist ein Stopp-Signal für das andere Kind und ein Teil der Lösung.

Einige Erwachsene wissen dann nur einen Rat: "Wehr dich und schlag zurück!"

Da gibt es doch bessere Wege. Wer Aggression mit Aggression beantwortet, steigert die Gewalt - sei es physische oder psychische - nur noch weiter. Schließlich wollen wir sozial kompetente Kinder und später auch Erwachsene und keine Menschen, die sich aufs Faustrecht berufen oder andere mobben.

Wie können Eltern ihren Kindern das richtige, verbale Wehren vermitteln?

Sie sollten zeigen und erklären, dass es völlig natürlich ist, erst einmal wütend zu werden. Doch wenn ein Kind lernt, auch durch das Vorbild der Eltern, seine Gefühle in Worte zu fassen und sich sprachlich zu wehren, wird es selbstbewusster. Da merken auch die anderen Kinder: Das ist ein starkes Gegenüber, kein schwaches. Und als Opfer werden immer die Schwachen gesucht. Sei es von Jungen, die eher körperliche Gewalt einsetzen, oder von Mädchen, die andere verbal schikanieren - was genauso verletzt.

Wenn Kinder von anderen gehänselt oder geschubst werden, zum Beispiel auf dem Schulweg oder im Pausenhof - wie reagieren sie dann richtig?

Ebenfalls durch ein verbales Stopp-Schild, das schon mal signalisiert: Ihr könnt das nicht mit mir machen. "Ich will nicht, dass ihr so etwas zu mir sagt", ist schon eine klare Ansage. Dann sollte sich das Kind aus der Situation entfernen und wieder einem Erwachsenen anvertrauen. So merken die Aggressoren, dass ihr "Opfer" die schlechte Behandlung nicht einfach hinnimmt.

Viele Kinder wollen jedoch nicht bei Lehrern oder Eltern "petzen".

Das tun sie ja nicht, schließlich handelt es sich nicht um ein "Verpetzen" der anderen, sondern um einen Konflikt, mit dem das Kind allein nicht zurechtkommt.

Aber sehen das die anderen Kinder auch so?

Da ist die Reaktion der Pädagogen wichtig. Es macht wenig Sinn, die anderen nur zu bestrafen. Wichtiger wäre, das Thema allgemein zu behandeln, ohne Täter und Opfer herauszustellen, und vielmehr das Einfühlungsvermögen in andere zu stärken - zum Beispiel im Rahmen von Programmen zur Gewaltprävention. Denn wenn Kinder soziale Kompetenzen zu Hause nicht erworben haben, können sie diese durchaus später nachlernen - sowohl die Aggressoren als auch die Opfer.

Sollten die Eltern nicht mal mit den aggressiven Kindern anderer Eltern ein ernstes Wort reden?

Lieber nicht, diese würden das nur als weitere Schwäche ihres Opfers auslegen und glauben, dass es sich nicht selbst wehren kann. Besser spricht man die anderen Eltern an, die ihrem Kind die Gefühlslage des anderen klarmachen können. Einen Rat, wie sie das tun könnten, sollte man den anderen Eltern aber nur geben, wenn diese das wollen - sonst blockieren sie. Wenn es eine ganze Gruppe von Drangsalierern ist - und Mobbing ist immer ein Gruppenphänomen -, könnte die Lehrkraft helfen und zum Beispiel alle Eltern dieser Kinder einladen und auf sie einwirken.

Im Krabbel- oder Kleinkindalter werden vor allem Einzelkinder erstmals damit konfrontiert, dass ihnen etwas weggenommen wird oder sie geschubst werden. Manche Eltern sind der Meinung, dass müssten die Kinder selbst unter sich ausmachen, um das richtige Verhalten zu lernen. Was halten Sie davon?

Ein- bis Dreijährige haben noch gar nicht die Handlungskompetenz, um das konstruktiv lösen zu können. Sie brauchen die Eltern als Vorbild, die ihnen Vorschläge machen oder Möglichkeiten zeigen, etwa indem die Mutter oder der Vater dem anderen Kind sagt: "Mit diesem Spielzeug hat mein Kind gerade gespielt, es geht nicht, dass du es einfach wegnimmst. Gib es bitte zurück. Aber wenn mein Kind damit fertig gespielt hat, bekommst du es."

Und wenn das andere Kind das eigene schlägt - und umgekehrt?

Alle Kleinkinder zeigen erst einmal aggressives Verhalten, sie beißen, kratzen, ziehen an den Haaren. Diese Handlungen zu kanalisieren, nennt man Erziehung. Da müssen Eltern natürlich eingreifen und vermitteln, dass das nicht akzeptiert wird. Nehmen Sie Augenkontakt auf und sagen Sie dem Kind - auch dem eigenen: "Ich will nicht, dass du das machst. Es wird nicht gebissen oder geschlagen." Dann ist es aber auch wieder gut und die Eltern sollten das Kind nun mit einem konstruktiven Lösungsvorschlag ablenken oder ganz das Thema wechseln. Denn wenn Eltern aus so einem Vorfall eine zu große Sache machen, lernt ein Kleinkind, dass ihm Aggression Aufmerksamkeit einbringt. Besser ist es, klare Grenzen zu setzen und gutes Verhalten zu loben, etwa wenn die Kinder sich mit dem Spielzeug abgewechselt haben. Wer sozial kompetent ist, wird selbstbewusster - und damit seltener zum Opfer.

Helfen Selbstbehauptungskurse weiter, wenn ein Kind dennoch schüchtern bleibt?

Das kommt natürlich sehr auf das Konzept an, ich habe da allerdings meine Zweifel. Falls der Schwerpunkt auf einer rein körperlichen Abwehr liegt, wird den Kindern beigebracht, ihrer Wut nachzugeben, statt andere Wege zu suchen. Das halte ich im Grundschulalter für verkehrt, hier führt es eher zu einer Schulhofprügelei. Das gilt indes nicht für Selbstverteidigungskurse für Jugendliche oder Frauen, die halte ich für sehr sinnvoll. Kinder aber sollten vor allem durch Eltern und Pädagogen den Rücken gestärkt bekommen. Sie sollten ihnen Mut zusprechen, sich in Auseinandersetzungen verbal zu behaupten - wenn die Eltern sie lassen.

Inwiefern?

Heute werden viele Kinder überbehütet. Ihnen wird viel weniger zugemutet, aber damit auch viel weniger zugetraut - das fängt schon mit dem alleine Wiedereinschlafen bei acht Monate alten Babys an, zu dem sie durchaus in der Lage sind. Und es endet damit, dass Kinder überall hingefahren werden und kaum mal allein spielen und entdecken dürfen. Die Eltern meinen es nur gut, doch ihren Kindern schadet es eher, wenn sie zur Unselbständigkeit erzogen werden.

Manche Kinder lassen sich von anderen fast alles gefallen und wegnehmen. Die Aufforderung der Eltern, sich doch zu verteidigen, hilft ihnen auch nicht weiter. Bis diese Kinder nicht mehr zusehen wollen, wie sich dreiste Räuber mit ihrem Lieblingsspielzeug aus dem Staub machen. Die Erziehungs-Kolumne "Kinder - der ganz normale Wahnsinn"