Zum Tod von Karlheinz Böhm Mensch für Menschen

Die Äthiopier nennen Karlheinz Böhm Ato Karl: Herr Karl, ein großer Mann, Held und Wohltäter.

(Foto: AP)

Als Schauspieler wurde er lange verkannt, erst als Entwicklungshelfer fand er die Rolle seines Lebens. Karlheinz Böhms größte Stärke war: Er ließ sich anrühren von Leid - und veränderte damit nicht nur sein eigenes Leben.

Ein Nachruf von Stefan Klein und Fritz Göttler

Manchmal ist es nicht nur der Inhalt einer Würdigung, die etwas aussagt über den Verstorbenen, sondern auch das Tempo, mit dem sie verbreitet wird. Der Tod des Schauspielers und Entwicklungshelfers Karheinz Böhm im Alter von 86 Jahren am Donnerstag war kein plötzlicher, er war lange erwartet worden. Der Nachruf war längst schon geschrieben, jedenfalls in jener Organisation, die das Lebenswerk des Karlheinz Böhm darstellt - er musste am Freitagmorgen nur noch losgeschickt werden.

"Menschen für Menschen" heißt dieses Lebenswerk, das aus einer Fernsehwette hervorging und im bettelarmen ostafrikanischen Staat Äthiopien vieles zum Besseren verändert hat. Als es soweit war, als Böhm vor mehr als 30 Jahren einen radikalen Bruch mit der Glamourwelt des Films vollzog und als Entwicklungshelfer, wie man damals sagte, nach Afrika ging, da entfuhr es seinem Vater, dem weltberühmte österreichischen Dirigenten Karl Böhm, erschrocken: "Bua, jetzt bist wahnsinnig worden."

Er war schon zu alt, um noch erkennen zu können, dass sein Sohn soeben in die Rolle seines Lebens geschlüpft war - nach all den anderen Rollen, die er zuvor gespielt hatte.

Ins Erfolgs- und Kulturkorsett gesteckt

Eine richtig flüssige Kinokarriere war es nicht gewesen, eher ein ruckeliges Stop and Go. Anfang der Fünfzigerjahre trödelte Böhm durch die Gefühls- und Lustspielstücke, die das deutsche Nachkriegskino jungen Schlaksen bot, aber Mitte der Fünfziger war es dann aus mit der erotischen Bummelei. Denn nun wurde Karlheinz Böhm ins Korsett gesteckt, ein Erfolgs- und Kultkorsett: Man kleidete ihn in die Paradeuniform des Kaisers von Österreich, Franz Joseph, die er an der Seite von Romy Schneider als seiner geliebten Kaiserin Elisabeth trug in der "Sissi"-Trilogie.

Sissi ist natürlich Romy Schneiders Ding gewesen, Karlheinz Böhm wirkte eher steif und blass neben ihr, aber doch berührend, wenn er in seiner Prachtuniform von der Liebe sprach und von der Sehnsucht, wie ein ganz Normaler durch die Wälder zu streifen. Vielleicht war das subversive Potenzial dieser Filme doch größer, als die Niedlichkeitseuphorie uns weismachen wollte, die sich mit jeder Sonntagnachmittagsausstrahlung im Fernsehen immer weiter steigerte.

Die Schneider rebellierte gegen die uniforme Rolle, Böhm aber geriet aus dem Tritt und fand erst wieder Beachtung als Carl Boehm in England und Amerika. Er drehte "Peeping Tom" unter der Regie des legendären Michael Powell - eine liebevoll sadistische Mörderstudie, die ziemlich radikal Sex und Mordlust kombinierte und dem Kino die Pandora-Büchse der Perversionen öffnete. Die britische Kritik reagierte gar nicht amused, man sollte diesen Film, hieß es, am besten das Klo herunterspülen. Der Film verschwand tatsächlich so tief in der Versenkung, dass die jungen Amerikaner, an der Spitze Martin Scorsese und Francis Coppola, im Verlauf der Sechziger sich schwertaten eine Kopie aufzutreiben. "Niemand war sicher, ob es den Film überhaupt gab", erinnert sich Scorsese, der dem geliebten Meisterwerk vor ein paar Jahren eine glanzvolle Restauration besorgte.

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Danach war für Böhm die große Karriere wieder blockiert, ihm blieb fast nur noch Fernsehen, Theater und Synchronarbeit. Gerettet wurde er, wie viele Stars des deutschen Nachkriegskinos, von Rainer Werner Fassbinder. Der holte ihn für sein TV-Stück "Martha," in dem Böhm einen Ehemann spielt, gutbürgerlich und sadistisch. Das Publikum reagierte mit Beschimpfungen, aber Böhm gefiel das, er war endlich heraus aus dem Korsett.