WM-Songs Meistertitel

WM-Songs zum Verlieben: 1994 sang die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit den Gay-Disco-Ikonen "Village People" das Lied "Far Away in America".

(Foto: imago sportfotodienst)

Der Schauspieler Will Smith singt die Hymne zur Fußball-WM in Russland. Ein Tiefpunkt - aber beileibe nicht der einzige. Historische WM-Songs von den Village People bis Shakira.

Seit Freitag ist die offizielle Hymne der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland in der Welt, das heißt: über Streamingdienste abrufbar. Sie heißt "Live It Up" und wird gesungen von dem amerikanischen Schauspieler Will Smith ("Men in Black"), dem Sänger Nicky Jam und der Sängerin Era Istrefi. Das wirft mancherlei Fragen auf: Was macht ein Lied zum Meistertitel? Kann Musik wahrlich Brücken bauen? Tröstet sie wenigstens über Niederlagen hinweg? Diese kleine Auswahl aus dem Songbook der Fußballgeschichte zeigt: Alles dies und noch viel mehr.

"Live It Up" (2018) Nicky Jam, Will Smith, Era Istrefi

Nur sehr böse Menschen werden behaupten, dass es gut zum derzeitigen Karrierezustand des Schauspielers Will Smith passt, dass er im WM-Song des Jahres 2018 immerhin die zweite Strophe rappen darf. Der Star empfindet den Auftrag hingegen als besondere Ehre und verkündete am Freitag, er wolle mit "Live It Up" die "ganze Welt zum Tanzen bringen". Aufgenommen hat er das Lied gemeinsam mit dem amerikanischen Reggaeton-Sänger Nicky Jam und der kosovarischen Sängerin Era Istrefi. Zum WM-Finale am 15. Juli in Moskau werden sie gemeinsam im Luschniki-Stadion auftreten. Hört man das Lied, das mit sehr viel "oh-oh-oh-oh-oh" los- und eigentlich auch weitergeht, denkt man erst mal nicht an Fußball, sondern an Großraumdisko und Getränkeflatrate. Aber den wahren Härtetest muss so ein WM-Song ja erst nach dem sportlichen Ereignis bestehen, für das er geschrieben wurde. Dann beginnt das große Popsongrecycling von der Schulsommerparty über den Mallorca-Urlaub bis zum Oktoberfest. Wie man allerdings computergenerierte Elektromusik mit einer bayerischen Blaskapelle nachspielen soll, dazu müssten die Musiker eventuell noch Hinweise geben.

"Mexico Mi Amor" (1986) Peter Alexander

(Foto: Norbert Schmidt/imago)

Der Deutsche und die Ferne, das war 1986 noch ein eher innereuropäisches Thema. Der Song "Mexico Mi Amor" zur WM in Mexiko trug diesem Umstand Rechnung. Peter Alexander und die deutsche Mannschaft drehten in der Kulisse einer mexikanischen Bodega, sangen über stolze Seelen und eine rote Sonne, dazu andere, nur noch schwer vorstellbare Zeilen wie "Zärtliche Mädchen verschenken die Sehnsucht im Dunkel der Nacht". Peter Alexander, der heimliche Integrationsbeauftragte dieser mittleren Phase der Bundesrepublik trug Pullunder, Lothar Matthäus Poncho und Sombrero. Am Ende spielte Toni Schumacher ein Trompeten-Solo, während sich der Deckenventilator träge drehte. Es war Landeskunde auf dem Reflexionsniveau einer Tortilla, dabei durchaus lieb gemeint. John Ford hätte geweint. Die Deutschen hingegen weinten, als sie im Finale unter einer roten Sonne gegen die stolzen Seelen der Argentinier verloren.

"Un' estate italiana" (1990) Gianna Nannini

Ein Pizzeria-Wirt, der auf sich hält, bereitet seine Antipasti eigenhändig zu, er spendiert nach der Pizza einen Grappa, und Abend für Abend lässt er seine einzige CD laufen. Eine Kompilation italienischer Schlager. Paolo Conte, Umberto Tozzi, Zucchero. In Endlosschleife. Gianna Nannini singt in der Mitte. Oder am Ende? Egal. An einem normalen Abend im Isola Bella bei Salvatore in der oberbayerischen Provinz ist sie bis zu fünf Mal zu hören. "Un' estate italiana" ist die gloriose Arie unter all den eher profanen Weltmeisterschaftsliedern. Die Strophe fängt an wie eine kalabrische Volksweise, der Refrain kulminiert in einer Dramatik, die man pucciniesk nennen darf. Dieser Sommer jedoch wird bitter. Italien fehlt bei der WM. Aber Gianna Nannini singt weiter: "Notti magiche". Magische Nächte? Armer Salvatore.

"Far Away in America" (1994) Village People

Es sollte noch zwanzig Jahre dauern, bis sich ein deutscher Nationalspieler als homosexuell outete - Thomas Hitzlsperger 2014. Um so erstaunlicher, worauf sich der Deutsche Fußballbund, entweder aus Mut oder aus Ahnungslosigkeit, schon zur WM 1994 in den USA einließ: Die Mannschaft - unter anderem mit Rudi Völler, Jürgen Klinsmann, Oliver Kahn - sang in adretten Anzügen zusammen mit Village People das Lied "Far Away in America". Verantwortlich für den Auftritt mit den Gay-Disco-Ikonen, die 1978 mit "Y. M. C. A." berühmt geworden waren, war der Produzent Ralph Siegel. Vor den Kickern tanzten also ein Bauarbeiter, ein Indianer, ein schwarzer Polizist, ein Ledernietenmann, ein Cowboy und ein Matrose und sangen an einer Stelle: "There's a rainbow in your eyes - on the other side of America." Ein Regenbogen auf der anderen Seite Amerikas. Danach versemmelte Deutschland jedoch unter Trainer Berti Vogts (der nicht mitgesungen hatte) die Titelverteidigung im Viertelfinale gegen Bulgarien. Es gab seitdem nie wieder einen selbstgesungenen Turniersong der Nationalmannschaft.

"Zeit, dass sich was dreht" (2006) Herbert Grönemeyer

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Geschichte von "Zeit, dass sich was dreht" ist ein herrliches Stück Pop-Gerechtigkeit. Herbert Grönemeyers offizielle Fifa-Hymne zur WM 2006 in Deutschland war eine viel zu kalkulierte, aus dem Emotionssetzkasten zusammengesteckte Auftragsarbeit: einerseits teutonische Geigenschwere und herbertsches Großlagen-Pathos ("Zahl ist gefallen, die Seiten vergeben / Du fühlst, du träumst, du fühlst, du glaubst, du fliegst"), andererseits jubilierende Worldmusic, Sambatrommeln und "Oeoleoe, oeoleoe"-Chöre. Alles zusammen: eine Frechheit. Musik aus einem Land, das glaubt, den Menschen ihre Gefühle ausbuchstabieren zu müssen. Dann trampelte "'54, '74, '90, 2006" heran. Und plötzlich grölte das ganze Land nur noch die so wunderbar brachial-stumpfe Weltmeistertitel-Aufzählung der Sportfreunde Stiller. Pop-Zeitgeist! Der richtige Song im richtigen Moment. Keine weiteren Erklärungen nötig. Vier Jahre später spülte es den Song sogar noch einmal mit aktualisiertem Text ("'54, '74, '90, 2010") an die Spitze. Weitere vier Jahre später war Deutschland dann tatsächlich Weltmeister. Dazu rappte dann komischerweise Pitbull.

"Waka Waka" (2010) Shakira

Marketingtechnisch war es natürlich ein Geschenk, dass die WM 2010 in einem afrikanischen Land ausgerichtet wurde. Endlich konnte auch die Fifa als Streiter für die Unterjochten und Entrechteten der Globalisierung einspringen, gerade noch rechtzeitig, bevor ihr der lukrative Megatrend "Postkolonialismus" komplett durch die Lappen ging. Weil es dabei auf Sensibilität und Details ankommt, kam für den WM-Song natürlich kein europäischer oder amerikanischer Künstler infrage. Eine Verlegenheit, aus der freundlicherweise die kolumbianische Sängerin Shakira die Organisation befreite. In dem auf Youtube fast zwei Milliarden Mal aufgerufenen Lied "Waka Waka (This Time for Africa)" führt sie generische Stammestänze auf, kreuzt diese souverän mit dem markenrechtlich geschützten Shakira-Hüftschwung, ohne den sie morgens gar nicht aus dem Haus geht, und besingt das Wilde, Wahre, Natürliche. Zum offiziellen Soundtrack des Turniers wurden dann aber doch die Vuvuzelas, wogegen sich dann wiederum schnell Widerstand formierte, weil die Zuschauer vor dem Fernseher ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden. Den Klang von Afrika komponierte man dann doch lieber selbst.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

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