Veränderung der deutschen Sprache Tradition der Beschimpfung

Das Deutsche verändert sich rasant. Die einen reagieren darauf hysterisch, andere sorglos. Die Anglizismenjagd, eine Schwundstufe der Sprachkritik, erfasst nur einen kleinen Teil dieses Geschehens. Drei Bücher erkunden die Welt des Sprachwandels - für ein Sprachbewusstsein auf der Höhe der Zeit.

Von Jens Bisky

Vor kurzem ist der Duden zum "Sprachpanscher des Jahres" gewählt worden. Der Verein Deutsche Sprache, der den Schmähtitel vergibt, prangert damit die unkritische Aufnahme von Anglizismen in das Wörterbuch an: "Soccer" findet sich da und "Shitstorm", nicht aber "Klapprechner", wie nach dem Willen des Vereins das "Notebook" fürderhin genannt werden soll. Der Duden trage dazu bei, dass sich "sprachliches Imponiergehabe im Glanze einer quasi amtlichen Zustimmung sonnen dürfe".

Die Duden-Redaktion hat ihre Regeln, ist diesen gefolgt und sich keiner Schuld bewusst. Pläne zur Umbenennung des DFB in Deutscher Soccer-Bund scheint es bislang nicht zu geben. Die Meldung wäre also unter "Absurdes aus dem Vereinsleben" abzuheften, stünde sie nicht exemplarisch für eine unzeitgemäße Vereinfachung der öffentlichen Diskussion, als wären Anglizismen das wichtigste Element der deutschen Gegenwartssprache, das entscheidende Ferment des Sprachwandels. Woher dieser Zweifel an Lebensfähigkeit und Kraft der Muttersprache? Das Deutsche hat doch einen guten Magen, es kann auch "Soccer" und "Shitstorm" vertragen. Vor allem aber wird man einem Verein misstrauen, der den Wortgebrauch anderer beurteilt, indem er sie zu Panschern erklärt.

Sagt sich so leicht

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Panschen kann man nach Auskunft des Grimmschen Wörterbuchs Wein oder Bier, es geschieht aus Gier oder Schlamperei. Wer aber sagt, dass die Sprache ein Gebräu sei, das Reinheitsgeboten unterliegt? Bekommen ihr nicht ein paar exotische, archaische, verdrehte Wendungen ganz gut? Seit langem weiß, wer Geldgeschäfte erledigt oder in die Oper geht, Wörter italienischer Herkunft zu nutzen, wer vor dem Computer sitzt, greift zum Englischen, zu Anglizismen, redet aber eben auch von der "Festplatte" und dem "Herunterladen".

Ein Soziologe mag den Streit um Anglizismen als Teil des Kampfes innerhalb der Funktionseliten verbuchen. Da wird symbolisches Kapital verteidigt, der Wert einer völlig unverächtlichen bildungsbürgerlichen Tradition, die es in der globalen wie in der digitalen Welt gleichermaßen schwer hat. Sich auf eine Burg des Wahren, Guten, Gewesenen zurückzuziehen und von den Zinnen herab die polyglott Stammelnden, die Angeber, Werbefuzzis, Journalisten zu beschimpfen, bringt seelischen Gewinn - und sonst gar nichts.

Rasanter Wandel

Das Ungeschick der Sprachschützer sollte jedoch nicht zu leichtfertiger Gleichgültigkeit verführen. Das Deutsche wandelt sich rasant. Alles andere wäre angesichts der Fortschritte des grenzüberschreitenden Verkehrs und der Dauerkommunikation auch eine Überraschung. Die Anglizismenjagd, eine Schwundstufe der Sprachkritik, erfasst nur einen kleinen Teil dieses Geschehens. Einige Ärgernisse vermag jeder rasch aufzuzählen: Die simplen Wendungen "Sinn machen" und "Unterschied machen" scheinen nicht mehr aufzuhalten und werden bald oder "zeitnah" keinen mehr verstören; immer wieder steht "zeitgleich", wo "gleichzeitig" stehen müsste; die Leiden des Genitivs betreffen alle Fälle; die Präpositionen werden munter verwechselt. Was heißt das, wie wäre darauf vernünftig zu reagieren?

Vor kurzem sind drei Bücher erschienen, die - jedes auf seine Weise - eine Geschichte vom Wandel der Sprache in einer herrlich vielsprachigen Welt erzählen. Karl-Heinz Göttert erkundet die Illusionen und Möglichkeiten der Sprachpolitik. Der amerikanische Literaturwissenschaftler David Bellos führt in die Vielfalt der Sprachen und die Kultur des Übersetzens ein. Und Uwe Hinrichs liefert eine fulminante Bestandsaufnahme aktueller Veränderungen der Alltagssprache durch die Migranten im Lande, 2012 lebten in Deutschland etwa 16 bis 17 Millionen "Menschen mit Migrationshintergrund".