"Untitled Unmastered" Dieses Album zeigt: Kendrick Lamar ist der größte Künstler der Gegenwart

Auftritt in Ketten: Kendrick Lamar bei den Grammys.

(Foto: AFP)

Denn er schafft es, komplexe historische Zusammenhänge in fantastische Musik zu gießen.

Albumkritik von Jan Kedves

Es ist keine drei Wochen her, da führte Kendrick Lamar in einer sensationellen Grammy-Performance eine schwarze Sträflingskolonne in Ketten aus einem amerikanischen Gefängnis in die Steppen Afrikas - eine historische Umkehrung der Sklaventransporte vom 16. bis ins 19. Jahrhundert.

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Jetzt, um genau zu sein: am Freitag, hat der Rapper großartige neue Musik veröffentlicht: "Untitled Unmastered" ist ein Mini-Album aus acht Stücken, die im vergangenen Jahr für Lamars gefeiertes Album "To Pimp A Butterfly" gedacht waren. Sie enthielten aber Samples, die bis zum Veröffentlichungstermin nicht geklärt werden konnten. Warme Bossanova-Grooves, organischer Jazz, wuchtiger Bass-Funk, Blues.

Lamar rappt mit seiner aufgekratzt-weichen Stimme, und ein mutmaßlicher Gastauftritt von Prince ist auch dabei. Alles ist musikalisch wunderbar verwoben, traditionsbewusst und inhaltlich hyperreflektiert. Das zeigt sich schon im Titel, in dem Lamar raffiniert mit den Bedeutungen des Worts "unmastered" spielt: In der Terminologie von Musikstudios bedeutet unmastered, dass eine Aufnahme noch nicht die finale klangliche Polierung erhalten hat.

King Kunta ist wieder da

Außerhalb von Musikstudios bedeutet das Wort "unbeherrscht", und im "master" steckt natürlich der "massa", der Sklavenhalter. Passend dazu lässt Lamar wieder King Kunta auftreten, eine Figur, die auf dem Sklaven Kunta Kinte aus Alex Haleys "Roots" (1976) basiert. Lamar überträgt sie auf sich und ins Heute.

Wer die Figur besser verstehen will, der findet im kostenlosen Online-Archiv des Spiegel übrigens eine Rezension zu "Roots" des Schriftstellers Hubert Fichte aus dem Jahr 1977: "Zu Beginn dieses Jahres weinten Millionen von US-Bürgern an den Fernsehschirmen ihre Creamcracker nass, als man Kunta Kinte aus Afrika verschleppte - heute werden die schwarzen Haitianer von US-Bürgern erst ins Gefängnis gesteckt und dann im Flugzeug zurückgeschafft: in Hunger, Unfreiheit, Seuchen."

Ja, hat sich denn wirklich nichts geändert seit 1977? Nun ja: Damals gab es jedenfalls noch keinen Rapper, der so komplexe historische Zusammenhänge in fantastische Musik goss. Man hat es mit einem der größten Künstler der Gegenwart zu tun. "Untitled Unmastered" ist der Beweis.

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