TV-Kritik: "Schlag den Raab" "Yes-he-can"-Konsens

Keuchen, schwitzen, stöhnen: Stefan Raab misst sich wieder mit einem Herausforderer. Und übte sich in Selbststilisierung - bisweilen ging es zu wie im Wahlkampf. Eine kleine Nachtkritik.

Von Franziska Seng

"Die Kassen sind leer!" Mit dieser alarmistischen Aussage schreckt man heute keinen Jungwähler aus seinem wohlverdienten Kraftnickerchen. Denn die "leere Kasse" ist für ihn ein Pleonasmus, eine rhetorische Selbstverständlichkeit, ähnlich wie "bedrohter Regenwald" oder "krimineller Tatort". Kassen sind irgendwie immer leer. Voll sind höchstens: IKEA, Schrottplätze, Studenten in Fußgängerzonen historischer Altstädte.

Auch bei Pro7 sind die Kassen leer. Nicht weil das Geld bei aufwändigen Recherchereisen für "Galileo Mystery" draufgegangen wäre, sondern Chemie-Doktorand Nino in der letzten Folge mit einem Rekordgewinn von drei Millionen Euro nach Hause gehen durfte. Doch Pro7 ist mit Stefan Raab in einer privilegierten Situation. Ein kurzer Einspieler, der auch als Wahlwerbespot einer neu gegründeten Ein-Mann-Partei durchgehen könnte, zeigt den Entertainer im Einsatz beim Auffüllen des Etats.

Ein Mann der Taten

"Wieder war er es, der den Ausweg aus der Krise fand", tönt eine Stimme aus dem Off, preist die herkulischen Arbeiten des Moderators: "Kein Urlaub, ehrliche Arbeit, und das sieben Tage die Woche!" Unglaublich bürgernah erleben wir ihn als Pizzaboy, Müllmann, Lkw-Fahrer usw. Sein Feierabendbier hat er sich mit den eingenommenen 500.000 Euro, die am gestrigen Samstagabend im Topf lagen, sauer verdient. Zum Schluss zeigt der Einspieler ein heroisches Plakat mit dem "Arbeiter von Pro7", in der traditionellen Ästhetik aggressiv-bunten Agitprops, was nicht allzu unkorrekt rüberkommt.

Kurz vor der Bundestagswahl wirft diese Art der Selbststilisierung Fragen auf. Will der jetzt auch noch in die Politik? Wird er der Erbe Horst Schlämmers für die Wahl 2013? SRP, Stefan-Raab-Partei? Durchaus möglich. Zwar verfügt Panzerkreuzer Stefan, ähnlich wie der Kandidat der HSP, über den diskreten Charme eines Schiffscontainers. Dass dies der öffentlichen Gunst keinen Abbruch tun muss, zeigte nicht zuletzt Raabs Quote im vergangenen Mai: Da erzielte er bei der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen eine Zustimmung von 34,9 Prozent. Das sind immerhin 0,7 Zähler mehr als das Endergebnis der SPD mit ihrem professionell auffrisierten Gerhard Schröder bei der Wahl 2005.

Motiviert und intelligent

Aber mit dem gestrigen Gegner war nicht zu spaßen: Hans-Martin, 24 Jahre aus Oldenburg, angehender Pharmazeut, hoch motiviert, prahlend mit seinem leicht über dem Durchschnitt liegenden Intelligenzquotienten von 143. Ähnlich jung, ähnlicher Beruf wie der große Abräumer Nino. Mittzwanziger gegen Mittvierziger. Beim ersten Spiel, "American Gladiators", eine Anlehnung an die gleichnamige Gameshow aus den frühen Neunzigern, muss er sich von Raab mit einem überdimensionalem Wattestäbchen ins Aus pieksen lassen und will das zunächst gar nicht so akzeptieren.

In den folgenden vierzehn Spielen passiert dann Bemerkenswertes. Kommentator Frank Buschmann stellt eine neue Entwicklung bei "Schlag den Raab" fest, eine in diesem Maß bislang ungekannte Zustimmung für den etablierten Showstar. "Das Publikum ist komplett auf seiner Seite", raunt Buschmann, unterlässt jedoch Spekulationen über die Gründe.

Nervt Herausforderer Hans-Martin, der seine Winner-Mentalität nach Geschmack des Publikums etwas überdeutlich zur Schau stellt, einfach? Oder probt Raab bereits für 2013 die Rolle des wendigen Wahlkandidaten? Übt er den Konsens ein, weil er weiß, dass Konsens in der Politik mindestens ebenso wichtig ist wie im Entertainmentgeschäft, vernachlässigend die Tatsache, dass Zwang zum Konsens auf beiden Gebieten ein grundlegendes Problem darstellen kann?

Ein buntes Spektrum

Auf jeden Fall glänzt Raab mit dem bunten Farbspektrum seiner Persönlichkeit, bei dem für alle Wählerschichten was dabei sein dürfte: bei heiklen Herausforderungen (Powerschrauben, Volleyball) läuft er dunkelrot an wie Lafontaine unter Studiosonne in Frontschweinhaltung; Taktik- und Geschicklichkeitsaufgaben (Knobeln, Besen balancieren) meistert der überzeugte Turnschuhträger mit der konzentrierten Abgeklärtheit eines frühen Joschka Fischers; das leuchtende Haifischgrinsen nach gewonnenen Schlaumeierspielen (Zählen, Stimmt's?) übertrifft dasjenige Karl-Guido Guttenwelles um Längen und Breiten.

Man ersinnt sofort das Wahlprogramm des sympathischen Superkandidaten der SRP, der in seiner eigenen Sendung langsam aber sicher gegenüber Hans-Martin ins Hintertreffen gerät. Raabs Wahlkampfclou wäre sein Plan zur Bündelung bislang sinnlos getrennter Ministerien. Das "Superministerium für Umwelt und Verkehr" etwa könnte der Fahrzeugfreak Raab mit berückenden Visionen bestücken: Autos würden abgewrackt und ersetzt durch Elektroskateboards, Quads und Segways (der spritfressende Dienst-Monstertruck würde nur noch für längere Fahrten benutzt). Im "Ministerium für Gesundheit und Landwirtschaft" kümmerte man sich unter der Ägide des Metzgersohns um eine flächendeckende Grundversorgung der Bevölkerung mit Grillfleisch. Am meisten ärgern würden sich Politiker jeglicher Gesinnung - weil sie nicht selbst drauf gekommen sind - über das neu geschaffene "Megaministerium für Wirtschafts- und Sozialpolitik". Ziel: transparente Geldkoffer für alle, die vor elf Uhr aufstehen (oder neun bis elf Vornamen geerbt haben).

Doch noch stehen andere Herausforderungen ins Haus: Über fünfzehn Runden geht die Sendung, Bahnradfahren (Hans-Martin zieht davon), Diskuswerfen (Raab zeigt überraschende Stärke), Filmplakateraten (Raab chancenlos). Das letzte Spiel gegen 0.30 Uhr besteht darin, eine Euro-Münze in ein leeres Glas zu schnippen. Hans-Martin hat Glück, gewinnt mit einem Münztreffer Vorsprung und macht seinen markigen Spruch "Ich bin nicht hier, um mich mit Stefan Raab anzufreunden, sondern wegen des Geldes" wahr. Das Publikum zeigt sich enttäuscht, reagiert mit teils heftigen Abwehrgesten, die überzogen sind, denn der Kandidat ist kein unverdienter Gewinner; höchstens vielleicht ein junger Studienabsolvent, dem schon mit 24 Jahren das ständige Gerede über leere Kassen ziemlich auf die Nerven geht.