Die Informations-Überladung, über die der Agenda Setter von der FAZ wunderschön beredt klagt, ist keinesfalls unausweichlich und schicksalhaft. Es sind auch keine höheren modernen Wesen, die in das Arrangement einer mit sich zufriedenen Kulturnation eingreifen, sondern letztlich durch Menschen geschaffene Computerprogramme. Da mag Schirrmacher noch so spotten über die Ratschläge von Neurowissenschaftlern, Pausen einzulegen oder Geräte abzuschalten, letztlich dürfte nur so die gewünschte Entschleunigung eintreten. Was ist so schwer daran? Niemand muss twittern.

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Wer Zeit spart, kann auch lesen

Der "Payback"-Autor zitiert ja selbst die Studie einer amerikanischen Professorin, wonach Menschen, die zwei Wochen lang keine aktuellen Informationen konsumierten, gesünder waren. Letztlich ist der Alarmismus des Autors wenig mehr als ein Hinweis auf offenbar vorhandene persönliche Defizite, sich richtig zu organisieren. Den Willen, es besser zu machen, nimmt ihm keiner ab.

Doch wie schreibt Schirrmacher: "Wir wittern und krabbeln los, wie der Getreideplattkäfer, aber wir krabbeln im Kreis."

Der Nutzen des Internets besteht für viele Menschen darin, Informationen schneller und günstiger zu bekommen. Es gibt zum Beispiel Portale, die Preise vergleichen und so eine rationale Entscheidung des Konsumenten vorbereiten. Erst die so nutzbare Datenmenge erfüllt eine wesentliche Bedingung der Marktwirtschaft: die der Transparenz. Das alles spart Geld und Zeit. Zeit, die der angeblich von der Digitalwelt gestresste Mensch zum Beispiel für das Lesen eines Buches aufwenden kann.

Schirrmacher empfiehlt ein neues Denken

Aber die Sache mit dem Lesen funktioniert ja angeblich nicht mehr, behauptet Schirrmacher mit Verweis auf Studien und subjektives Befinden: "Es ist schwieriger geworden, ein Buch zu lesen, weil unser Gehirn sich unter dem Druck digitaler Informationsfluten umzubauen beginnt." Und: "Wir haben alle zunehmende Probleme, ein Buch zulesen." Freilich: Nur, weil der amerikanische Autor Nicolas Carr solche Leseschwierigkeiten vor einiger Zeit bei sich feststellte und die Selbstdiagnose im Atlantic ausbreitete, liegt kein wissenschaftliches Axiom vor. Es erscheinen jährlich noch immer verdammt viele Bücher, die gelesen werden, obwohl - zugegeben - einige besser ungelesen blieben.

Als Ausweg empfiehlt Schirrmacher, nach langem Lamento, recht knapp, ein neues Denken. Der Mensch soll die Maschine wieder beherrschen. Er soll sich der Kreativität bedienen, und wer wollte da widersprechen. Im TV-Studio demonstrierte er, wie man mit Tricks schwere Rechenaufgaben im Kopf lösen kann, und was man aus großen Augentafeln lernen kann, die Gastgeber Beckmann herumbalancierte.

"Am Ende gewinnt immer der Wahnsinnige"

Das alles war einigermaßen praktisch und hatte einen gewissen Unterhaltungswert, der unter Akademikern nicht üblich ist. Noch schöner war, dass als Musterbeispiel für Intuition und Kombinieren, gewissermaßen für ein Anti-Informationsüberladungs-Programm, just jenes TV-Format herhielt, das Günther Jauch repräsentiert: "Wer wird Millionär?"

Der RTL-Mann erzählte, was ein Professor und eine Hausfrau im Fernsehquiz richtig oder falsch machen können, und dass am Ende immer der Wahnsinnige gewinnt. Also jemand, dem ein Profil bei Google keinen Erfolg prophezeit hätte. Schirrmacher ist nach eigenem Bekunden oft schon früh gescheitert.

Richtig amüsant wurde die Runde bei "Beckmann" am Schluss, als der Schauspieler Jan Josef Liefers ("Tatort") von seinem Leben in der DDR erzählte und von seiner neuen Hauptrolle in einem Film über Clemens Wilmenrod, den ersten Fernsehkoch der Republik. Der konnte in den fünfziger und frühen sechziger Jahren gar nicht kochen, machte aber Sachen wie "Toast Hawaii" populär. "Das Reden über das Kochen war immer schon wichtiger als das Kochen selbst", befand Liefers.

Wenn das nicht manchmal auch fürs Denken gilt.

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(sueddeutsche.de/mikö/fvk)