TV-Kritik: "Kolb greift ein" Kolb und der Krieg am Gartenzaun

Es geht um die Wurst, um Ratten und beschnittene Bäume: RTL startet ein Lebensberatungs-Format, das den Krieg am Gartenzaun feiert.

Von R. Schneeberger

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Und es ist schon erstaunlich, dass ein so alter Spruch bei RTL immer noch ein paar Programmplaner hinterm Ofen hervorlockt, die damit Quote machen wollen.

Nachbarschaftsstreitigkeiten, sollte man meinen, sind inzwischen derart oft multimedial beleuchtet worden, dass spätestens nach Abklingen des Booms um Regina Zindlers Maschendrahtzaun der gute Ton verbieten sollte, an das Wort Nachbarschaftsstreit in Zusammenhang mit Fernsehunterhaltung auch nur zu denken.

Als hätten wir den guten alten Gartenzaunstreit nicht schon in allen unschönen Facetten seit Jahren serviert bekommen. Wenn nicht am eigenen Gartenzaun, dann garantiert im TV, wo das Gekeife von Erzürnten vom Frühstücksfernsehen über das regionale Vorabendprogramm bis zur nächtlichen Exklusiv-Reportage die Bildschirme füllt.

Und seit das so ist, dürfen sich auch die Gerichte freuen über immer mehr Menschen, die ihre Gartenzwerg-Kriege hochoffiziell und nur noch unter Einbeziehung einer möglichst großen Öffentlichkeit und mindestens eines Richters bis aufs Blut austragen wollen. Was also ist neu am neuen Doku-Format von RTL?

Na klar: die Lebensberatung. In der nun mittwochs um 20:15 Uhr ausgestrahlten Sendung "Nachbarschaftsstreit - Kolb greift ein" stellt sich ein Rechtsanwalt mit Namen Ernst Andres Kolb und einem Erscheinungsbild zwischen Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und "Zimmer frei"-Moderator Götz Alsmann als "Mediator" zur Verfügung.

Hier werden sie also endlich geholfen, die verfeindeten Parteien, die ansonsten noch Jahrzehnte in ihrer gallig-giftrasengrünen Suppe schwimmen würden, bis einer von ihnen als Gewaltopfer doch wieder in irgendeiner Privatsender-Berichterstattung enden würde.

Wir können Kolb also wahrhaft dankbar sein, dass er all diese Leute aus ihren Gärten und ans Licht der Öffentlichkeit zerrt, um sie - selbst im feinen Zwirn - an den runden Tisch zu bringen, eine unnütze Klage abzuwenden, die Gewaltspirale aufzuhalten und Peace and Happiness in die Reihenhäuser einziehen zu lassen. Wer dabei allerdings aggressiv werden kann, ist der Zuschauer.

Dass Familie Weißmann in Andernach bei Koblenz nicht mehr ruhig schlafen kann, seit Familie Faulhaber-Cera vor ein paar Jahren nebenan eingezogen ist, weil dort ständig gegrillt wird, weil der Komposthaufen stinkt und sich der Nachbar ganz klassisch an den schönen Tannen vergeht, ist die eine Sache. Dass RTL hier das Krisengebiet erkannt hat, auf dem es sich am besten auskennt und mit dem es seit Jahrzehnten seine Brötchen verdient, eine andere: Hier trifft das spießbürgerliche auf das Hartz-IV-Idyll, und wenn dann noch so richtig die Fetzen fliegen, ist sie Sendung auch schon im Kasten.

Nichts zu holen

Der Zuschauer muss mit ansehen, wie Frau Weißmann Strichlisten von Rattenbesuchen in ihrem Garten führt, wie Familie Faulhaber-Cera sich als "Menschen zweiter Klasse" behandelt fühlt und deshalb einen zweifelhaften dritten Nachbarn ins Spiel bringt, der bezeugt, den Wurstgeruch in der Wäsche richtig gerne zu riechen. Wie Rechtsanwalt Kolb den ehemaligen Konditorei-Inhabern klarmacht, dass sie den Schaden an den Bäumen bitteschön selbst tragen können, weil bei den Nachbarn schließlich nichts zu holen sei. Und wie der Nachbar, der die Bäume geschändet hat, sich ganz zum Schluss am runden Tisch dazu durchringt, prima gelaunt zu versprechen, dass er das nie wieder tun wird.

Das ist das große Zugeständnis des Abends, die frohe Botschaft, mit der Kolb seine Zuschauer entlassen will. Abgesehen davon, dass Faulhaber-Ceras gar keine Gelegenheit mehr haben werden, die Bäume zu beschneiden, weil diese nämlich gefällt werden müssen, und die Erhaltung mindestens 10.000 Euro kosten würde, was sie niemals bezahlen könnten. Abgesehen davon, dass die Familie Weißmann ursprünglich mal der Bäume wegen in dieses Haus gezogen war. Abgesehen davon also, dass sich hier ein Rechtsanwalt mit einer doch recht einseitigen Sicht der Dinge als unabhängiger Retter in Barack-Obama-Manier geriert und die Flodder-Nachbarn happy-happy in Windeseile einen Plastik-Komposthaufen aufstellen, um den Frieden zu besiegeln - abgesehen davon hat der RTL-Fan gelernt, dass der Mittwoch nun sein Wochenhöhepunkt ist.

Weil das Schwarzweißmuster, das der Sender so lange zu seiner Erfolgsmarke gemacht hatte, das Aufeinanderprallen zweier Parteien mit unterschiedlichen Interessen und unter ordentlich viel Krawall, beim Zuschauer entweder für gute Laune sorgt - oder für schlechte. Die zunehmende Tendenz der Privatsender aber, sich als Heilsbringer zu geben und seinem Publikum eine vermeintliche Lebenshilfe anzubieten, ist nur noch scheinheilig.

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