Türkisches Tagebuch (XXII) Erdoğan hält die Massen in explosiver Hypnose

Erdoğan-Anhänger demonstrieren in Köln - und lösen damit Misstrauen, Wut und Hass im anderen Lager aus.

(Foto: dpa)

Das türkische Volk ist weiterhin zutiefst gespalten, zu Hause wie im Ausland. Und die Anhänger des Präsidenten folgen ihm blind.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Immer wenn ich an diesem Tagebuch schreibe, kehre ich am Ende zur selben beunruhigenden Frage zurück: Was ist es eigentlich, das in den letzten 15 Jahren in der Türkei so schief ging? Woher rührt diese alte Feindseligkeit, das Lagerdenken, die immer noch an der türkischen Seele nagen? Warum steuerte diese große Nation so zielstrebig auf die Katastrophe zu, die in dem schrecklichen Putschversuch kulminierte?

Türkisches Tagebuch

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1956 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Für seine Arbeit wurde er 2014 mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt er einen täglichen Gastbeitrag. Deutsch von Jörg Häntzschel.

Wenn ich das hiesige Gerede vom "Sieg der Demokratie" höre, nehme ich nur eine neue Welle des Selbstbetrugs wahr. Doch was mir Sorgen macht, sind schwerer wiegende Dinge. Es ist die Feindseligkeit, das gegenseitige Misstrauen und die Angst, die auch nach dem schnellen Zusammenbruch des Putschversuchs nicht verschwunden sind. Im Gegenteil. Eine Rhetorik der Drohung, der Rache und der Vergeltung hat von der Gesellschaft Besitz ergriffen. Die Polarisierung, für die in den letzten drei, vier Jahren vor allem Erdoğan verantwortlich war, hat ein neues Ausmaß erreicht. Das türkische Volk ist weiterhin zutiefst gespalten, zu Hause wie im Ausland. Das spürt man in Deutschland wohl mehr als in jedem anderen europäischen Land: Derselbe Riss, der durch die Bevölkerung in Anatolien geht, geht auch durch die türkische Community in Deutschland, die zu einem großen Teil dorther stammt.

Jedes Wort, jede Versammlung, jede Demonstration löst Misstrauen, Wut und Hass im jeweils anderen Lager aus. Man konnte das kürzlich in Köln ebenso beobachten wie vor einigen Monaten in Washington, wo es nur mit Mühe gelang, Pro- und Anti-Erdoğan-Aktivisten, darunter auch wütende Kurden, davon abzuhalten aufeinander loszugehen. Die hässlichen Szenen vor der angesehenen Brookings-Institution, wo Erdoğan eine Rede hielt, haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben.

Aggressive Form des türkischen Nationalismus

Meine Besorgnis rührt genau da her. Was die Türkei in den letzten fünf Jahren von einer schlimmen Episode zur nächsten trieb, ist zu einem großen Teil der tiefen Verbohrtheit ihrer Bürger in Sachen Identitätspolitik geschuldet. Eine aggressive Form des türkischen Nationalismus, die durch ein nie reformiertes Bildungssystem am Leben gehalten wird, und die papageienhafte Rhetorik einer verrotteten politischen Klasse halten die Massen in einem Zustand explosiver Hypnose, wie auch der Aufstieg des Islamismus, dessen Mangel an moralischem Rückgrat in den letzten Jahren offensichtlich geworden ist.

Erdoğan hat in seinem rücksichtslosen Kampf um die Macht offensichtlich das Verbindende zwischen diesen beiden Elementen gefunden. Obwohl sie schon so lange an der Macht ist, und all ihren vielen Wahlversprechen zum Trotz, hat die AKP beim Versuch, die historischen Mauern zwischen diesen sozialen Gruppen niederzureißen, hoffnungslos versagt. Stattdessen machte sie sich mit cleveren taktischen Manövern Vorurteile, Ignoranz und tiefsitzende Wut zu Nutzen, um diese Gruppen zu trennen. Es ist ein mittelalterlich anmutendes Machtspiel. Der Herrscher sichert seine Position, indem er temporäre Allianzen schmiedet und nach Bedarf alte und neue "innere Feinde" erfindet.

Die Massen folgen ihm und realisieren nicht, dass es sich um ein Nullsummenspiel handelt - mit zerstörerischen Folgen. Nehmen sie nur die ewige Antipathie der säkularen Kemalisten für die Forderungen der ebenso säkularen Kurden. Die seit Jahrzehnten bestehenden Vorbehalte der kemalistischen CHP gegen die Forderungen der Kurden nach gleichen Rechten, nützen nur der AKP. Die säkulare Opposition ist zerstritten und hilflos und nicht in der Lage, eine ernstzunehmende Alternative zu Erdogan zu bieten, der jetzt einen großen nationalistisch-religiösen Block schafft, um die türkische Politik dauerhaft zu beherrschen.

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