Türkische Chronik (XXVII) "Ich war kurz vor dem Ersticken"

Nach den Massenentlassungen an der Universität von Ankara kam es zu Protesten und Ausschreitungen.

(Foto: AFP)

Feigheit und Verrat findet man in der Türkei an den besten Universitäten. Wie ergeht es denen, die Widerstand leisten? Unser Kolumnist hat mit einer Professorin gesprochen.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Als die Professorin Mine Gencel Bek und ich uns zufällig im Herbst 2014 in Boston trafen, hatten wir keine Ahnung, dass wir bald Außenseiter sein würden. Wir sorgten uns damals bereits genug um das sinkende Schiff Türkei. Sie war Gastprofessorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und ich Stipendiat an der Harvard Kennedy School. Wir arbeiteten beide im selben Bereich: sie als angesehene Journalismusdozentin an der Universität in Ankara, zu der sie 2015 zurückkehrte, ich als Journalist.

Am 30. Januar hat Mine wutentbrannt ihren Job gekündigt. Sie konnte nicht länger den barbarischen Geist der politischen Unterdrückung ertragen, der sich in den türkischen Universitäten breitmacht. Genauso zuwider waren ihr die Scheinheiligkeit und der vorauseilende Gehorsam, der viele ihrer Kollegen und Kolleginnen erfasst hat. Eine Woche nach ihrer Kündigung wurden durch das neueste Regierungsdekret 330 Akademiker und Akademikerinnen gefeuert. Von diesen hatte die Hälfte die Petition "Academics for Peace" unterzeichnet, die eine Rückkehr der Regierung an den Verhandlungstisch mit den Kurden verlangt.

Zur Person

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1956 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Für seine Arbeit wurde er 2014 mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt regelmäßig Gastbeiträge. Deutsch von Anna Fastabend.

Am härtesten getroffen von dem Dekret wurden Mines Universität in Ankara und die Fakultät für Politikwissenschaften, die als wichtigste Institution und Kaderschmiede für Diplomaten und hohe Verwaltungsbeamte gilt. Diese Massenentlassung war rein politisch motiviert, und sie ist Vorbote für das, was noch auf uns zukommen wird. Als Mine ihren Namen auf der Liste der Entlassenen sah, musste sie lachen. Sie wurde gefeuert, nachdem sie gekündigt hatte! Aufgebracht packte sie ihre Sachen sowie ihre Familie und siedelte letztes Wochenende an die Universität in Siegen um.

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Als Mine und ich jetzt telefonierten, musste sie über sich und ihre impulsive Entscheidung lachen. Was es ihr (und vielen Kollegen, die dasselbe Schicksal teilen), leichter macht, ist das Gefühl, in Deutschland willkommen zu sein.

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Noch abstoßender als die politische Unterdrückung fand sie die Heuchelei ihrer Kollegen und vieler Intellektueller. Mehr als tausend Unterzeichner der bereits erwähnten Petition wurden seit Januar 2016 vom Staat verhört. Nach dem Putschversuch im vergangenen Juli fragte Mine den Präsidenten der Universität, ob die Universität hinsichtlich der juristischen Verfolgung wegen dieser Unterschrift zu ihr stehe. Da wurde ihr folgender Ausweg angeboten: Sie solle ein Dokument unterzeichnen, das zum Ausdruck bringt, wie sehr sie es bereue, von einem "unterdrückerischen" Staat gesprochen zu haben, und dass sie um Vergebung bitte. Wie viele andere auch lehnte sie dieses Angebot ab.