Türkische Chronik (XXVI) Sie wollen alle Fremdkörper "entfernen"

Proteste gegen die Entlassung von Akademikern vor der Universität in Ankara.

(Foto: AP)

Der türkische Präsident Erdoğan beschimpft und drangsaliert Professoren. Jetzt werden die klügsten und kritischsten Köpfe entlassen.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Als ich am Dienstagabend die Nachrichten hörte, wusste ich kaum, wohin mit meinem Mitgefühl. Ich kannte einige der Betroffenen der jüngsten Attacke auf die türkischen Akademiker. Am meisten traf mich das Schicksal von Professor İbrahim Kaboğlu von der Marmara-Universität in Istanbul. Er ist ein Mann der leisen Töne, ein betagter Gentleman und führender türkischer Experte für Recht und Verfassung.

Seine Zivilcourage stand immer im Kontrast zu seiner zurückhaltenden Art. Er ist einer der Fahnenträger, einer, der den Wert des Gesetzes gegen jeden Widerstand verteidigt. Am Dienstagabend wurde dieser Gelehrte aus Istanbul "ausgezeichnet", in dem er gefeuert wurde, auf die willkürlichste Art und Weise.

Das jüngste Dekret ist bei Weitem das Verräterischste

Mit jedem neuen Dekret wird die Tragödie der Elite der Andersdenkenden in der Türkei größer, auch weil die unterschwellige Motivation der Machthaber dadurch immer mehr ins Tageslicht rückt. Sie wollen alle Fremdkörper "entfernen". Ganz ähnlich, wie es einst auch in Deutschland passiert ist. Wir werden nun Zeuge davon, wie die intolerante Mittelmäßigkeit über den hart erarbeiteten Verdienst, über die Zivilcourage siegt. "Jetzt ist es offiziell, die akademische Welt ist erledigt", twitterte Kerem Altıparmak von der Ankara-Universität. Er ist Rechtsexperte und kämpft gerade vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und gegen eine Vielzahl von Ungerechtigkeiten.

Zur Person

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1956 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Für seine Arbeit wurde er 2014 mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt regelmäßig Gastbeiträge. Deutsch von Natalie Broschat.

Das jüngste Dekret der AKP ist bei Weitem das Verräterischste, das im Zuge der "Großen Säuberung" beschlossen wurde. Es macht 330 Akademiker von 23 Universitäten mit sofortiger Wirkung arbeitslos. 115 von ihnen, so hieß es in den Nachrichten, unterzeichneten letztes Jahr eine Petition gegen Gräueltaten, die in den mehrheitlich kurdischen Provinzen der Türkei geschehen. Die "Akademiker für den Frieden", wie sie sich nannten, wurden sofort Gegenstand einer Dämonisierungskampagne der Proregierungsmedien. Diese wurden von Präsident Erdoğan bestärkt. "Ihr, die sogenannten Intellektuellen", schrie er. "Ihr seid die Dunkelheit selbst, keine Intellektuellen. Ihr seid so dunkel und ignorant, dass ihr nicht einmal wisst, wo sich diese Provinzen genau befinden!"

Einige der Unterzeichner wurden mit dem Dekret vom Dienstag von den Universitäten "entfernt". Umso ängstlicher und verunsicherter sind nun diejenigen, die glauben, als Nächste an der Reihe zu sein.

Das Dekret bricht einigen der etabliertesten Universitäten des Landes das Rückgrat. Eine davon ist die Fakultät für Politikwissenschaften (SBF) der Universität von Ankara. Hier werden die führenden Diplomaten und Intellektuellen des Landes ausgebildet. Altıparmak hat hier auch seinen Abschluss gemacht, und sein trauriges Urteil lautet: "Die SBF ist die Grundlage unserer Republik. Mit der Säuberung wurde sie nun erledigt. Mein Beileid!"