Süddeutsche Zeitung

Türkische Chronik (XXVI):Sie wollen alle Fremdkörper "entfernen"

Lesezeit: 4 min

Der türkische Präsident Erdoğan beschimpft und drangsaliert Professoren. Jetzt werden die klügsten und kritischsten Köpfe entlassen.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Als ich am Dienstagabend die Nachrichten hörte, wusste ich kaum, wohin mit meinem Mitgefühl. Ich kannte einige der Betroffenen der jüngsten Attacke auf die türkischen Akademiker. Am meisten traf mich das Schicksal von Professor İbrahim Kaboğlu von der Marmara-Universität in Istanbul. Er ist ein Mann der leisen Töne, ein betagter Gentleman und führender türkischer Experte für Recht und Verfassung.

Seine Zivilcourage stand immer im Kontrast zu seiner zurückhaltenden Art. Er ist einer der Fahnenträger, einer, der den Wert des Gesetzes gegen jeden Widerstand verteidigt. Am Dienstagabend wurde dieser Gelehrte aus Istanbul "ausgezeichnet", in dem er gefeuert wurde, auf die willkürlichste Art und Weise.

Das jüngste Dekret ist bei Weitem das Verräterischste

Mit jedem neuen Dekret wird die Tragödie der Elite der Andersdenkenden in der Türkei größer, auch weil die unterschwellige Motivation der Machthaber dadurch immer mehr ins Tageslicht rückt. Sie wollen alle Fremdkörper "entfernen". Ganz ähnlich, wie es einst auch in Deutschland passiert ist. Wir werden nun Zeuge davon, wie die intolerante Mittelmäßigkeit über den hart erarbeiteten Verdienst, über die Zivilcourage siegt. "Jetzt ist es offiziell, die akademische Welt ist erledigt", twitterte Kerem Altıparmak von der Ankara-Universität. Er ist Rechtsexperte und kämpft gerade vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und gegen eine Vielzahl von Ungerechtigkeiten.

Zur Person

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1956 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Für seine Arbeit wurde er 2014 mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt regelmäßig Gastbeiträge.

Das jüngste Dekret der AKP ist bei Weitem das Verräterischste, das im Zuge der "Großen Säuberung" beschlossen wurde. Es macht 330 Akademiker von 23 Universitäten mit sofortiger Wirkung arbeitslos. 115 von ihnen, so hieß es in den Nachrichten, unterzeichneten letztes Jahr eine Petition gegen Gräueltaten, die in den mehrheitlich kurdischen Provinzen der Türkei geschehen. Die "Akademiker für den Frieden", wie sie sich nannten, wurden sofort Gegenstand einer Dämonisierungskampagne der Proregierungsmedien. Diese wurden von Präsident Erdoğan bestärkt. "Ihr, die sogenannten Intellektuellen", schrie er. "Ihr seid die Dunkelheit selbst, keine Intellektuellen. Ihr seid so dunkel und ignorant, dass ihr nicht einmal wisst, wo sich diese Provinzen genau befinden!"

Einige der Unterzeichner wurden mit dem Dekret vom Dienstag von den Universitäten "entfernt". Umso ängstlicher und verunsicherter sind nun diejenigen, die glauben, als Nächste an der Reihe zu sein.

Das Dekret bricht einigen der etabliertesten Universitäten des Landes das Rückgrat. Eine davon ist die Fakultät für Politikwissenschaften (SBF) der Universität von Ankara. Hier werden die führenden Diplomaten und Intellektuellen des Landes ausgebildet. Altıparmak hat hier auch seinen Abschluss gemacht, und sein trauriges Urteil lautet: "Die SBF ist die Grundlage unserer Republik. Mit der Säuberung wurde sie nun erledigt. Mein Beileid!"

"Das ist pure politische Säuberung"

Das Dekret fegte praktisch die gesamten Departments für Journalismus der Universität Ankara und der Marmara Universität fort. Professor Prof Yüksel Taşkın, der bei seinen Schülern sehr beliebt war, twitterte bitter: "Das ist pure politische Säuberung. Aber mein Gewissen ist rein. Lasst meine Studenten wissen, dass ich mich nie und nimmer beugen werde." Emre Tansu Keten, ein anderer Professor, schrieb: "Ich bin stolz, auf einer Liste mit denjenigen meiner Kollegen zu stehen, die rausgeworfen werden, weil sie ihre eigene Meinung gesagt haben."

Aus dem Department für Theater in der Fakultät für Sprache, Geschichte und Geografie der Universität Ankara wurden gleich fünf Professoren "entfernt". Einer von ihnen sagte, dass dort nun nur noch vier Hilfslehrer übrig geblieben seien. "Der Rest von uns hat die Petition unterschrieben. Das Institut ist jetzt dysfunktional, Bildung ist so unmöglich. Die vier übrig gebliebenen Kollegen werden nicht im Stande sein, den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten. Und ich fürchte, das ist noch nicht alles gewesen. Es ist schrecklich, wenn man nur darauf wartet, als Nächster entlassen zu werden."

Ein anderer Lehrer twitterte: "Ich wurde nur deshalb entlassen, weil ich gesagt habe, dass ich einen Krieg in diesem Land ablehne und dass ich mir Frieden wünsche. (...) Ich wünsche mir immer noch Frieden ..."

Das Dekret verfolgt die Absicht, die Meinungsfreiheit zu schlachten

Dass das Dekret die Absicht verfolgt, die Meinungsfreiheit zu schlachten, ist selbsterklärend. Beeindruckend aber ist, mit welcher Schonungslosigkeit es durchgesetzt wird. Eine der Betroffenen, eine ältere Akademikerin, ist eine Legende in ihrer Profession. Professorin Öget Öktem Tanör war die erste Neuropsychologin der Türkei. Sie war die Ehefrau des nun verstorbenen Professors Bülent Tanör, ebenso eine Legende auf seinem Gebiet, dem Verfassungsrecht. Er hat als Teil der liberalen Linken sein ganzes Leben dafür gekämpft, dass die türkische Verfassung demokratischer wird - erfolglos.

Professor Kaboğlu gehörte derselben Ideenschule an. Er hat sich jahrelang selbstlos für die Demokratie eingesetzt. Vor zehn Jahren wurde er von dem damaligen Premierminister Erdoğan gebeten, einen Report über Minderheitenrechte zu verfassen, darüber, wie man geschehene Gräueltaten aufarbeiten und die Macht in der Türkei dezentralisieren könne. Er arbeitete intensiv an dem Report und gab das Ergebnis ab. Monate später wurde er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter wegen "Beleidigung des Türkischen" angeklagt. Die Anklage wurde fallen gelassen, ebenso wie der wertvolle Report, vergraben in Vergessenheit.

Hier sind wir also, dachte ich mir, als ich die aktuelle Säuberungsliste las. So zeigt dieser machthungrige, primitive Staat seinen hart arbeitenden, unabhängigen Intellektuellen seine Dankbarkeit: mit Entfremdung und Bestrafung. Mit jedem Dekret gleicht dieser Staat mehr und mehr dem Deutschland der Dreißigerjahre, das seine Elite am Ende aus seinen Grenzen verjagt hat.

Ich bin mir sicher, dass unsere "entfernten" Akademiker keinen Job mehr in ihrer Heimat bekommen werden. Die Türkei verliert ihr Blut, und wir alle wissen, wer dafür verantwortlich ist.

Der Autor, geboren 1956, ist Journalist, Blogger und Träger des European Press Prize. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Julia Niemann.

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Quelle:
SZ vom 10.02.2017/luch
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