Tourauftakt von Helene Fischer Natural Born Perfect

Kapitalistischer Glücksfall schlechthin: Helene Fischer.

(Foto: dpa)

Die Scheinriesin Helene Fischer triumphiert bei ihrem Tourauftakt. Allen Glitzerkostümen zum Trotz wirkt die ganze Show nicht aufgesetzt, sondern einfach nur: echt. Versuch der Annäherung an ein Phänomen.

Von Jens-Christian Rabe

Es stimmt, es waren alle da bei diesem Tourauftakt des größten deutschen Popstars dieser Tage in einem ausverkauften Gewerbegebiet-Betonkarton namens Sachsenarena in Riesa. Donnerstagabend, Punkt 20 Uhr. Also fast alle, 6000 genau genommen, davon aber sehr viele verschiedene: Sehr rührend bestens gelaunte vollschlanke rosa Tüllwolken. Diverse Helene-Teams: fröhliche Damengruppen mit einheitlichen Fan-T-Shirts, sogar eine Gruppe johlender junger Männer in Lederhosen und T-Shirts mit dem Aufdruck "Bayern des sam mir zur Helene gangad mir". Kugelrunde ernste Männer in Jack-Daniels-Kapuzenpulloverjacken. 10-jährige Mädchen, ihre Eltern, deren Eltern. Helene-Fischer-Doppelgängerinnen, Abi-Ball-Prinzessinnen, ehemalige Abi-Ball-Prinzessinnen. Gestandene Männer, die aussehen wie Stars der volkstümlichen Musik (Sakko, Jeans, leicht schüttere Stoppelfrisur, randlose Brille). Kraftsportler mit Kopftuch und altem Tour-Shirt ("Helene Fischer Tour 2011"). Und - als Begleiter der rosa Tüllwolken: Schnurrbärte. Sehr viele stolze Schurrbärte.

Nicht da waren nur: alle Arten von Hipstern und Hipster-Bärten. Allerdings auch nicht die notorischen Hipster-Hasser. Mit anderen Worten: jegliche schlechte Laune war vollständig abwesend. Anwesend dafür: eine vollkommen tiefenentspannte, absolut unneurotische Fielmann-Crowd. Deutschland im Jahr 2014. Optimale Bedingungen für den großen Show-Triumph.

"Nur wer den Wahnsinn liebt, kann mit Dir leben"

Und den bekommt Helene Fischer von der ersten Sekunde: "Unser Tag"! Und als bald gekonnt Justin Timberlakes R'n'B-Schubser "Sexy Back" angespielt und dann auch noch "Get Lucky" von Daft Punk von einer großen Band samt Musical Director wirklich tight dahinmusiziert wird und die - wie sich später herausstellt - ausnahmslos amerikanischen Showtänzer die Sache genau so im Vollspann vorturnen, wie das heute eben gemacht wird, wenn man es wirklich ernst nimmt, und nicht nur mit halbem Budget nachtanzen will - als man all dies so erlebt hat, da schluckt man dann schon, wenn einem plötzlich wieder so Zeilen ins Ohr wehen wie "Nur wer den Wahnsinn liebt, kann mit Dir leben". Weil Helene Fischer ja wirklich was kann und von den 6000 Hingerissenen ja auch alle bestimmt irgendwas können, aber dass auch nur ein einziger den Wahnsinn ertragen könnte, das - Verzeihung - ist doch wirklich Unfug.

Obwohl, es kommt natürlich - verdammter Werterelativismus - auf den Wahnsinn an. Wenn man sich zum Beispiel das Bühnenbild genauer ansieht, das aus einem riesigen, begehbaren Pappmaché-Ast besteht und so ein Mittelerde-Harry-Potter-Swarovski-Paradies antäuscht, dann ist das natürlich schon verrückt. Oder wie sie dann einmal auf diesem Ast in einem großen weißen Kapuzenumhang so als Zauberschlumpf umherschreitet - darauf muss man erst mal kommen. Oder diese Ansagen: "Ich danke Euch, das Feuerwerk der Gefühle geht weiter, seid Ihr bereit?"

Irritierend alterlos

Ja, ja, wir sind bereit, logo. Weil wir wissen ja alle, hach: "In zerrissenen Jeans um die Häuser zieh'n, das kann ich mit keinem anderen". Einerseits. Andererseits missglückt ihr nicht mal "Purple Rain". Und dann ist sie als Moderatorin ihrer selbst wieder ein Totalausfall. Sogar als sie am Ende auf einem riesigen, bei Drachenstich in Furth im Wald geborgten goldenen Metallvogel durch die Halle schwebt und ganz ergriffen ist von der ganzen Zuneigung. Sie wirkt dabei nie so, als habe sie sich bislang auch nur eine Sekunde überlegt, wie man das wirklich formvollendet machen könnte, so als Star. Sie singt lieber noch eine Runde formvollendet "My Heart Will Go On" von Celine Dion.

Abgesehen von ihrem Talent als Musical-Darstellerin und Sängerin ist alles wirklich verblüffend klitzeklein an dieser Frau, die auch noch kaum 1,60 Meter groß ist, aber so dünn und makellos proportioniert, dass das gar nicht auffällt. Eine Scheinriesin. Noch dazu mit einer irritierenden Alterslosigkeit. Sie sah zu Beginn ihrer Karriere vor knapp zehn Jahren im Grunde schon so aus wie jetzt und sie wird im Normalfall in zwanzig Jahren auch noch exakt so aussehen wie jetzt. Ganz neues Alter: "zwischen 19 und 49".

Wie lässt sich Helene Fischers Erfolg erklären?

Sie ist der größte Schlagerstar, den dieses Land gerade zu bieten hat. Helene Fischer hält sich seit Monaten in den Charts und verkauft mehr als fünf Millionen Platten. Wer aber, wie unser Autor, ihren Erfolg ergründen will, begibt sich auf dünnes Eis. mehr ... Ihre Frage