"The Lego Movie" im Kino Aufstand der Allesbauer

Alles nach Plan: President Lord Business, der totalitäre Herrscher der Lego-Welt, bekämpft die Freiheit des Bauens und Bastelns.

(Foto: Warner)

Der Erfolg von Warners "Lego Movie" übertrifft alle Erwartungen. Feiert der Film den Legostein als Urbaustoff entfesselter Pixelwelten - oder doch nur die fortschreitende Normierung der Kreativität?

Von Philipp Stadelmaier

Mathematiker der Universität Aarhus haben einmal ausgerechnet, dass es 85 Milliarden Möglichkeiten gibt, um sieben gleichfarbige Legosteine miteinander zu kombinieren. Vor der genauen Berechnung für acht Steine mussten die Herrschaften dann auch schon kapitulieren.

Vor den Millionen virtuellen Legosteinen, aus denen das Universum des "Lego Movie" besteht, steht man daher weniger wie vor einer Kinderspielzeugwelt als vor einem Supercomputer, der sämtliche Kombinationsmöglichkeiten aller Legosteine in rasender Geschwindigkeit hintereinanderweg rechnet und dabei einen wild rotierenden Kreativitätshurrikan permanenter Entschöpfung und Neuschöpfung entfesselt, der selbst unerschöpflich scheint.

Denn im Animationsfilm von Phil Lord und Christopher Miller, der in einer aus Lego gebauten, nur von Legofiguren bevölkerten Welt spielt, gibt es keine realisierten oder auch nur zählbaren Möglichkeiten mehr. Es gibt nur noch den Bereich des Möglichen überhaupt. Nicht des menschenmöglichen, des legomöglichen. Es scheint, dem atomistischen Baukastensystem sind noch weniger Grenzen gesetzt als einer aus Atomen bestehenden Welt.

Im Auge dieses Orkans steht der meist nicht besonders gut orientierte Emmet. "Kannst du mir mal bitte sagen, was diese Klamotten sollen, und warum ein Name am Himmel steht?" wundert sich das gelbe Männchen. Eben noch in der Stadt unterwegs und in Arbeiterklamotten, steht es nun im Wilden Westen mit Cowboyhut. Und ja, der Name steht groß am Himmel. Noch. Aber gleich wird Emmet, nach einer spektakulären Eisenbahnfahrt, in ein hippes buntes Candyland purzeln, von da in die Tiefen der Meere und so weiter.

Zwischen den bekannten Lego-Welten (der Stadt, dem Wilden Westen, dem Ozean, dem Weltraum) befindet sich die Welt des "Lego Movie" im permanenten Aufbruch. Das ist schon die ganze, ebenso simple wie gänzlich abstrakte Story des Films: Eine Gruppe von "Meisterbauern", die im Lego-Universum schlichtweg alles bauen können, sagt dem großen Herrscher über das Legoreich den Kampf an, der die von ihm ohnehin schon extrem geordnete Welt mit einer Superwaffe komplett stillstellen will - weshalb der Widerstand im Um- und Neubau selbst liegt.

Mythos Stein

So wird schon mal aus dem Nichts (na ja, aus Lego) ein Motorrad oder ein U-Boot zusammengezimmert. Oder man errichtet rasch auf einem Zug in voller Fahrt eine Rampe, um den motorisierten Angreifer, der sich in rasender Fahrt übers Dach nähert, in die Lüfte zu schicken, wo er sich in ein Flugzeug verwandelt, während die Gejagten selbst von einem Lego-Batmobil gerettet werden, das seinerseits in eine Serie von Gestaltwandlungen eintritt.

Der Mythos Lego, den der Film demonstriert, wäre dabei selbst beinahe vor einiger Zeit verloren gegangen. Nach dem großen Erfolg, den der dänische Spielzeughersteller seit den Fünfzigerjahren mit seinem Baukastensystem hatte, stand der Konzern 2004 kurz vor dem Ruin.

Heute erwirtschaftet das Unternehmen in einer Branche, die von starken Umsatzeinbußen geplagt wird, wieder Rekordgewinne, eröffnet neue Filialen und gönnt sich nun auch noch einen Film, der bis heute weltweit schon mehr als 400 Millionen Dollar eingespielt hat.

Was war passiert? Der neue Chef Jørgen Vig Knudstorp hatte sich statt auf Uhren, Pullover und die Legoparks wieder auf das Maß aller Dinge konzentriert, den Legomythos, das heißt: den Stein. So steht ein mythischer "Stein des Widerstands", der die Paralysierung der Legowelt verhindern soll, auch im Zentrum des Films.

Der Mythos von Lego besteht darin, dass alle, die Lego bauen, mit diesen Urelementen, den Steinen, ihre eigenen Geschichten erzählen, ihre Mythen bauen und umbauen können. Bauen nach strikter Anleitung ist unter echten Lego-Jüngern ebenso verschrien wie im Film, wo nur der böse Herrscher President Business darauf beharrt.