100 Tage Elbphilharmonie Wird die Elbphilharmonie als Akustikdebakel in die Geschichte eingehen?

100 Tage Elbphilharmonie: Der Konzertsaal bei der Eröffnung des Gebäudes am 11.01.2017.

(Foto: dpa)

Bruckners Achte wirkt wie ein akustischer Frontalangriff. Leises funktioniert besser. Eine Vergleichsreise durch europäische Konzertsäle, begleitet von Experten wie Kent Nagano.

Von Reinhard J. Brembeck

Zu Beginn dieses Jahres richtete sich das Interesse der musikalischen Welt auf Hamburg. Dort wurde nach einer Unzahl von Skandalen und Pannen die Elbphilharmonie eröffnet. Der vom Architektenduo Herzog & de Meuron auf einem alten Backsteinziegelspeicher im Hamburger Hafen errichtete Bau sieht spektakulär aus, der helle Konzertsaal gefiel allenthalben. Die Akustik, so behauptete es eine geschickt betriebene Medienkampagne, sollte genauso grandios sein.

Was für eine Enttäuschung aber, als am Eröffnungsabend Thomas Hengelbrock und sein NDR-Elbphilharmonie-Orchester den ersten Akkord in Ludwig van Beethovens "Coriolan"-Ouvertüre in den Raum donnerten - und dieser gleich verschwand. So, als wäre nichts gewesen. Je länger der Abend dauerte, umso größer wurden Enttäuschung und Zweifel. Alles klang geheimnislos, aufdringlich, direkt. Die tiefen Bläser dominierten im Breitwandsound, hohe Streichertöne wirken dagegen mickrig. Ein raumfüllendes Fortissimo scheint hier unmöglich zu sein, weil der Klang nicht bis zum letzten Rang aufsteigt. Jede Ungenauigkeit wird grotesk vergrößert, Leises und Kammermusik sind dagegen exquisit hörbar. Und ein Nachhall, der den direkten Klang mildern könnte, ist kaum auszumachen.

Auf Tuchfühlung im Vulkankrater

Begeistert feiern die Hamburger ihre Elbphilharmonie. Nur der Klang überzeugte nicht recht. Lag es an Yasuhisa Toyotas Akustik - oder ganz einfach am Orchester? Von Reinhard J. Brembeck mehr ...

Für die Akustik zeichnet Yasuhisa Toyota verantwortlich, neben Russell Johnson und Harold Marshall einer der bekanntesten Schall- und Raumtechniker der Welt. Der Dirigent Valery Gergiev nennt ihn den "größten Akustiker aller Zeiten", kann aber trotz wortreicher Einlassungen nicht sagen, worin dessen Größe besteht. Sein Kollege Mariss Jansons schätzt an Toyotas Sälen "selbstverständlich die gute Akustik", für das Publikum wie für die Musiker. Ansonsten habe er bei der "hohen Klasse" der Säle nichts auszusetzen. Wie aber lässt sich der Widerspruch zwischen der Hamburger Realität und dem Ruf Toyotas erklären? Trügt der erste Eindruck? Verfolgt Toyota in Hamburg anders als in seinen bisherigen Saalbauten eine Ästhetik, die so neu ist, dass die Hörer der klassischen Musik dafür noch gar nicht reif sind?

Je mehr sich die Architektur verselbständigt, desto schwieriger wird die Akustik

Von Yasuhisa Toyota wird gegenwärtig in München viel gesprochen. Zum einen kommt er als Akustiker für den geplanten neuen Konzertsaal am Ostbahnhof infrage, zum anderen für die gerade beschlossene Sanierung der Gasteig-Philharmonie. Deren im Vergleich zu Hamburg geradezu grandiose Akustik geriet in den vergangenen Jahren zunehmend in die Kritik.

Yasuhisa Toyota aber antwortet auch auf wiederholte Anfragen nicht. Also muss die Elbphilharmonie ein zweites Mal besucht werden. Neu hören sollte man aber auch andere Konzertsäle, die von Toyota ganz oder teilweise betreut wurden: in Paris (2015), Katowice (2014), Kopenhagen (2008). Zum definitiven Vergleich soll das Muster aller Konzertsaalneubauten dienen, nämlich Hans Scharouns Berliner Philharmonie aus dem Jahr 1963. Und es sind Dirigenten und andere Akustiker zu befragen.

Und es ward endlich Licht in der Elbphilharmonie

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Kent Nagano eröffnete als Dirigent schon einige Säle. Er kennt deren akustische Tücken und weiß, wie man sie umgeht. Gegenwärtig erprobt er seine Erfahrung in eben jener Elbphilharmonie. Er hält sie für einen "großartigen und überwältigend erfolgreichen Konzertsaal". Der immer auskunftsfreudige und mit Laien sehr geduldige Akustiker Karlheinz Müller baut seit 40 Jahren erfolgreich Konzertsäle und Opernhäuser und war 25 Jahre lang Professor für Akustik in Wien. Er kennt weltweit fast alle Räume und befürchtet, dass neue Säle aufgrund zunehmend verspielter Bauformen bald nur noch mit elektronischen Nachhallsystemen in gut klingende Räume verwandelt werden können.

Wenn der Saal zu kalt wirkt, müssen die Geigen tiefer klingen und Töne verschleifen

Ein paar Wochen nach der Eröffnung ist in der Elbphilharmonie endlich möglich, was die Betreiber zuvor verwehrten. Während Kent Nagano mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg die Achte Sinfonie von Anton Bruckner probt, führt ein Rundgang von ganz unten bis ganz oben, seitlich, hinter und vor das Orchester. Überraschung: Der Klang ist nicht nur auf allen Plätzen ähnlich, sondern überzeugender als bei der Eröffnung. Gerade Musiker bewerten Säle oft nur im leeren Zustand, wenn sie besser klingen. Das Publikum im vollbesetzten Saal bekommt Schlechteres zu hören.

Diese Erfahrung, erklärt ein paar Wochen später in München Karlheinz Müller, könne man häufiger machen. Denn in einem vollbesetzten Saal werde der Nachhall durch Kleidung und Körper stark gedämpft. Auf der Website der Dresdner Philharmonie, die ihren neuen Saal in zwei Wochen eröffnet, wird die Nachhallzeit mit 2,4 Sekunden im leeren und mit 2,2 Sekunden im vollen Saal angegeben. Zehntelsekunden aber sind nicht nur im Sport entscheidend.

Kent Nagano eröffnete Neubauten unter anderem in Lyon und Montréal. Er kennt viele Säle mit Toyota-Akustik: Die Disney Hall (Los Angeles), den Mariinskij-Saal (Sankt Petersburg), die allseits gepriesene Suntory Hall (Tokyo), der er jedoch den Konzertsaal in Sapporo vorzieht. Die Akustik, relativiert Nagano, sei zwar wichtig, aber nicht der einzige relevante Faktor. Mindestens so wichtig, wenn nicht noch wichtiger, sei es vielmehr, ob der Saal von der Gesellschaft angenommen werde. Da sei die Elbphilharmonie unschlagbar. Alle Besucher seien vom Bau begeistert, jeder wolle hinein.

Aber die Akustik? Nagano weiß, dass neue Säle akustisch selten auf Anhieb funktionieren. Das sei wie mit einem neuen Hemd. "Ein Saal", sagt Nagano, "ist ein Anfang." Er verlange oft viel und jahrelange Arbeit, bis er angemessen klinge. Im Fall der Elbphilharmonie ist Nagano, anders als der skeptische Karlheinz Müller, davon überzeugt, dass sich diese Mühe lohnen werde. Dabei macht er sich keine Illusionen über die Schwierigkeiten. Der Saal sei sehr trocken, der Nachhall kürzer als gewöhnlich und jeder Fehler deutlich hörbar. Zudem seien die eben deswegen so wichtigen dunklen und warmen Farben von den Geigen nicht leicht zu produzieren, die Musiker müssten viel mehr Energie beim Spiel aufwenden als in anderen Sälen.

In alten Konzertsälen, erklärt Nagano, in Hamburgs Laeiszhalle oder in dem von Musikern so geschätzten Wiener Musikvereinssaal, könne man "mit der Akustik in einer Partnerschaft spielen". Weil die Säle bei jedem Impuls mitschwängen, so dass sich der Klang von selbst entwickele. In modernen Sälen dagegen gelange der Klang schnell und effizient zum Hörer, klar und genau. Das entspreche den Idealen der digitalen Gesellschaft. "Dieser informative Aspekt", sagt Nagano, "kann sehr kalt klingen." Genauigkeit sei aber nicht Wahrheit, auch habe Information absolut nichts mit Musik zu tun.