Studie zur Fußballweltmeisterschaft Fußballtaumel und Fremdenfeindlichkeit

Das Institut für Konflikt- und Gewaltforschung hat sich dem WM-Fußballtaumel befasst. Ergebnisse: Die Fremdenfeindlichkeit wächst. Die These vom "toleranten Patriotismus" sei "gefährlicher Unsinn".

Von Toralf Staud

Genau eine Woche ist es her, dass Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sich bei der Vorstellung der Schlussbilanz der Fußball-WM erneut freute, "Deutschland" sei "der Gewinner" gewesen.

Nationalstolz führt zu Fremdenfeindlichkeit, sagen die Wissenschaftler aus Bielefeld.

(Foto: dpa)

Zehn Millionen Zuschauer haben nun in der ARD Sönke Wortmanns Fußballfilm gesehen, der noch einmal die sommerliche Seligkeit auferstehen ließ. Doch Wilhelm Heitmeyer hat für die These, da habe das Land zu einem "toleranten Patriotismus" gefunden, genau fünf Worte übrig: ,,gefährlicher Unsinn, ein Stück Volksverdummung''.

"Menschenfeindlichkeit" als Sammelbegriff

Der Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld stellte gestern in Berlin die neuen Ergebnisse einer Langzeituntersuchung zu "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" vor. Unter diesem etwas sperrigen Begriff sind Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Islamophobie zusammengefasst, aber auch die Abwertung von Homosexuellen, Behinderten oder Frauen.

Denn der Kern sei jeweils derselbe: die Idee einer Ungleichwertigkeit von Menschen und der Abwertung von Andersartigen und Entbehrlichen. Seit 2002 befragen die Bielefelder Forscher jedes Jahr etwa zweitausend Deutsche, jedes Jahr veröffentlichen sie ihre Aufsätze in einem Suhrkamp-Band mit dem Titel "Deutsche Zustände", finanziert wird das Großprojekt von einem Stiftungskonsortium unter Federführung der VW-Stiftung. Um unabhängig zu sein und sich ,,nicht den Mund verbieten zu lassen'', wie Heitmeyer sagt.

In dem diesjährigen fünften Band widmen sich gleich zwei Aufsätze dem Fußballtaumel und den Instrumentalisierungsversuchen der Politiker. Im ersten Beitrag weisen drei junge Wissenschaftler anhand der Langzeitdaten ziemlich überzeugend nach, dass Nationalstolz zu ,,Fremdgruppenabwertung'' führt. (Im Unterschied übrigens zu einem differenzierten, "patriotischen" Stolz auf die deutsche Demokratie und den Sozialstaat, der niedrigere Fremdenfeindlichkeit zur Folge hat.)

Befragte nach der WM waren nationalistischer

Anhand einer zusätzlichen Umfrage im August zeigen sie, dass nach der Fußball-Weltmeisterschaft befragte Personen "nationalistischer eingestellt" waren als früher Befragte. Und weiter: "Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen." Denn den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit hatte der diesjährige "Party-Patriotismus" nicht aufgebrochen.

Aber offenbar, schreibt Heitmeyer selbst , seien die "Schwarz-rot-geil-Stimmung" oder Kampagnen wie "Du bist Deutschland" der Versuch eines "surrogathaften Ankers auf schwankendem sozialen Boden". Ein ethnisches Kollektiv soll künftig bieten, was die soziale Marktwirtschaft nicht mehr zu leisten vermag: "Über die Betonung der 'Schicksalsgemeinschaft' mit raunendem Tiefgang sollen jene Angehörige der Mehrheitsgesellschaft emotional wieder integriert werden, die andererseits sozial desintegriert worden sind."

Auch höher Gebildete sind islamophob

Der soziale Boden der Republik schwankt. Einkommen und Vermögen - das ist bekannt - driften erheblich auseinander. Und ökonomische Verunsicherung, so die Bielefelder Forscher, führt zur Ausbreitung "latent immer vorhandener Ideologien der Ungleichwertigkeit" - keineswegs nur am rechten Rand, sondern in der Mitte der Gesellschaft.

Die fünf Bände der "Deutschen Zustände" schreiben eine Art Fieberkurve: Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel ist von 2002 bis 2005 kontinuierlich gewachsen und stagnierte im Jahr 2006. Seit 2004 erfassen die Forscher gesondert die Ablehnung von Muslimen; sie ist in auch diesem Jahr weitergestiegen. Nur noch weniger als die Hälfte (von einst knapp zwei Dritteln) der Befragten sagen heute, der Islam habe eine "bewundernswerte Kultur hervorgebracht". Übrigens nimmt die einfache Fremdenfeindlichkeit generell mit höherer Bildung ab, Islamophobie dagegen nicht.

Die Aussage "Homosexualität ist unmoralisch" bejahen in diesem Jahr 21,8 Prozent der Befragten (2005: 16,6 Prozent). 30,5 Prozent meinen, Frauen sollten sich "wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen". Interessanterweise gingen die von den Bielefelder Forschern erhobenen Werte für Antisemitismus seit 2002 zurück, nach dem Libanon-Krieg dieses Sommers schnellten sie hoch - aber nur auf die Werte von vor fünf Jahren. Alarmrufe wie die der Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, die sich kürzlich "an die Zeit nach 1933" erinnert fühlte, sind nach Heitmeyers Meinung "unverantwortlich".

Die Mittelschicht hat Angst vorm Abstieg

Soziale und psychologische Unsicherheit hat längst die Stützpfeiler der Gesellschaft erreicht. Sogar unter den Angehörigen der mittleren drei Fünftel (gemessen am Einkommen), haben inzwischen fast 50 Prozent Angst vor einem sozialen Abstieg. Sie sind vielleicht nicht real durch Hartz IV bedroht, aber sie fühlen sich bedroht. Und die Mitte reagiert darauf. Ihre Vorstellung von Gerechtigkeit verändert sich: Der Anteil der Befragten, die staatliche Hilfen nur noch bei erbrachter Gegenleistung gewähren wollen und sie jenen verweigern, die mitschuldig sind an der eigenen Notlage, steigt seit 2002.

Und sie wird feindseliger gegenüber Randgruppen und konkurrierenden Fremden: Auch unter jenen, die sich der Mitte zuordnen, steigt die Fremdenfeindlichkeit seit fünf Jahren stetig. Dank der Fülle der Daten kommen die Forscher sogar kausalen Zusammenhängen auf die Spur: Wer in einer früheren Befragung ein Gefühl von Orientierungslosigkeit beklagte, zeigte zwei Jahre später deutlich fremdenfeindlichere Einstellungen. Natürlich, Gewalt werden die braven Bürger auch weiter nicht ausüben - aber für das gesellschaftliche Klima ist ihr Meinungswandel gefährlich.

"Brandgefährlich" nennt Heitmeyer die Lage in "abwärtsdriftenden" Regionen, wo die Zahl der Arbeitsplätze sinkt, Einkommen niedriger sind, Leute abwandern. Dort ist - wenig überraschend - das Gefühl von Orientierungslosigkeit weiter verbreitet, das Klima erheblich fremdenfeindlicher (obwohl die Ausländerquote weit unter der aufstrebender Gegenden liegt). Nur in einem Punkt liegen diese Regionen (etwas) unter Bundesdurchschnitt: bei der Obdachlosenfeindlichkeit. "Eigene Desintegrationserfahrung", so das Fazit, "führt zu einer geringeren Bereitschaft, Immigranten zu integrieren." Ausgegrenzte Deutsche solidarisieren sich also nicht mit ausgegrenzten Fremden, sondern setzen sich umso stärker von diesen ab.

Bayern sticht bei Fremdenfeindlichkeit heraus

Ostdeutschland lässt sich demzufolge als große Desintegrationszone verstehen. Doch im Ländervergleich sticht auch das wirtschaftsstarke Bayern bei fremdenfeindlichen Einstellungen heraus - der Freistaat liegt über dem Bundesschnitt (bei der Zahl rechtsextremistischer Gewalttaten hingegen weit darunter). Bei einem erstmals errechneten ,,Index Rechtspopulismus'' rangiert Bayern sogar auf Platz 3 hinter Thüringen und Sachsen-Anhalt und noch vor Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen.

Gut 22 Prozent der befragten Bayern stimmten diesen fünf Aussagen zu: "Verbrechen sollten härter bestraft werden", "Um Recht und Ordnung zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen", "Es leben zu viele Ausländer in Deutschland", "Die in Deutschland lebenden Ausländer sind eine Belastung für das soziale Netz" und "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen."

Über die Ursachen dafür mag Heitmeyer nicht spekulieren. Seine Befunde decken sich aber mit einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Damals wiegelte das Bayerische Innenministerium ab, die Datenbasis sei zu schmal gewesen. Das ist diesmal anders: Die Bielefelder Forscher befragten über die Jahre 1001 Bayern, mehr ist bei bundesweiten repräsentativen Erhebungen auch nicht üblich.