Streamingsender Amazon-Serie "Patriot": Der Spion kifft und singt

Solo für den Folk-Agenten: Michael Dorman in "Patriot".

(Foto: Amazon)

Bekannte Hollywoodautoren verkaufen ihre Herzensprojekte mittlerweile an Serienmacher im Netz. Bestes Beispiel: das famose Format "Patriot".

Von David Steinitz

Das Problem mit einem Spion, also einem wirklich, wirklich guten Spion ist: All seine effiziente, meisterliche und patriotische Hochleistungsarbeit ist wenig wert, wenn er die größten Staatsgeheimnisse direkt nach jedem Einsatz in Folksongs packt - und diese als Straßenmusikant in der Öffentlichkeit zum Besten gibt.

Das ist die Prämisse der Serie "Patriot" von Steve Conrad, zu der er für das Streaming-Portal von Amazon bereits eine Pilotfolge gedreht hat. Die Amazon Studios haben nun bereits eine komplette Staffel geordert. "Patriot" bewegt sich auf ähnlichem Terrain wie beispielsweise "House of Cards" oder "Homeland", und bewältigt die Übersetzung amerikanischer Exekutive, Legislative und Judikative in ein unterhaltsames fiktionales Format ebenfalls ganz famos.

Hauptfigur ist der große, blonde Spion John (Michael Dorman), der sich über Subunternehmen wie Ölfirmen in Krisengebiete einschleust, zu denen Geheimdienstmitarbeiter normalerweise keinen Zugang haben. Seine neueste Mission: Iran von seinem geplanten Atomwaffenprogramm abzuhalten. Seine Probleme dabei: der Geheimdienstchef ist sein herrischer Papa, er leidet wegen anderer Aufträge an einer posttraumatischen Belastungsstörung, hat seine hübsche Frau viel zu lange nicht gesehen - und braucht als Dauerkiffer dringend den Urin eines anderen Mannes, um beim Drogentest zu bestehen.

Die Kunden entscheiden, welche Piloten in Serie gehen

Sein Problemlösungsansatz: er tritt bei Open-Mic-Abenden oder in Fußgängerzonen mit seiner Gitarre auf und besingt das ganze Elend einer Existenz als Geheimagent - inklusive streng geheimer Details über Eliminierungseinsätze im Ausland.

Die erste Folge von "Patriot", die auf Amazon Prime kostenlos und in der Originalfassung abrufbar ist, ist eine von sechs neuen Pilotfolgen, die der Online-Dienst kürzlich kostenlos für seine Kunden bereitgestellt hat. Wie bereits im Jahr zuvor konnten die Kunden dann entscheiden, welche der Piloten in Serie gehen sollen. Neben "Patriot" waren zum Beispiel die hübsche kleine Coming-of-Age-Komödie "Highston" dabei, über einen neurotischen Teenager, der von imaginierten Prominenten umgeben ist, die ihm aktive Lebenshilfe geben. In der ersten Folge: Flea von den Red Hot Chili Peppers.

Bis auf eine der sechs Optionen hat Amazon alle Pilotprojekte verlängert, was einer deutlichen Reviermarkierung in zwei Richtungen gleichkommt: einmal will man in den Amazon Studios dem alten Hollywoodbetrieb Konkurrenz machen; neben Serieneigenproduktionen folgen auch bald eigens für Amazon produzierte Spielfilme. Und dann wäre da natürlich noch der große Konkurrent im Streaming-Bereich, die Videoplattform Netflix, die ebenfalls gerade Serien am Fließband produziert.

Warum trotz dieser Massenproduktion die Qualität der Serien überdurchschnittlich hoch bleibt, dafür ist gerade "Patriot" ein gutes Beispiel. Ihr Erfinder Steve Conrad ist bereits ein versierter Hollywoodautor, er hat etwa den schönen, melancholischen Ben-Stiller-Film "Das erstaunliche Leben des Walter Mitty" geschrieben oder die Tragikomödie "The Weather Man" mit Nicolas Cage.

Völlig losgelöst

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Trotzdem hat man bei Conrad wie bei vielen seiner Kollegen das Gefühl, dass sie ihre wahren Herzensprojekte für das alte Hollywood gar nicht mehr aus der Schublade holen. Weil neue Originalstoffe dort längst nicht so gut honoriert werden wie von den neuen Serienmachern im Netz - und zwar sowohl im künstlerischen wie im ökonomischen Sinn. Der Witz, die bissigen Kommentare zur Außenpolitik, die kleinen Nuancen im chaotischen menschlichen Miteinander, die "Patriot" ausmachen, sind in Hollywoods Blockbusterbetrieb selten geworden.

"The Man in the High Castle" ist die meist gestreamte Amazon-Eigenproduktion

Für den künftigen Erfolg der Serie spricht außerdem noch ein neuer Erfahrungswert. Wie Netflix rückt Amazon nur sehr selten mit konkreten Klickzahlen heraus. Kürzlich verkündete der Streaming-Dienst aber ausnahmsweise, dass seine Serie "The Man in the High Castle" die bislang meist gestreamte im Repertoire der Eigenproduktionen sei. Sie basiert lose auf einem Roman von Philip K. Dick, der davon erzählt, wie die Welt aussehen könnte, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten.

Sprich: das Genre der politischen Groteske ist gerade ein ziemlicher Publikumsrenner - also ein idealer Zeitpunkt für "Patriot".

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