"Star Wars: Episode VIII - Die letzten Jedi" im Kino Die Saga der ewigen Wiederkehr

Der abtrünnige Sturmtruppen-Soldat Finn (John Boyega, links) kämpft gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber von der dunklen Seite der Macht.

(Foto: Disney)

Rian Johnsons "Die letzten Jedi" steckt voller Rückverweise, Vorwärtsverweise, Inside Jokes und alter Bekannter. Und dennoch wirkt der achte Teil der "Star Wars"-Reihe überraschend fatalistisch.

Von Juliane Liebert

Puff, wieder eins weg. Hier herrscht das Prinzip der "Zehn kleine Jägermeister". Nur eben nicht mit Jägermeistern, sondern mit explodierenden Raumschiffen und vielen Komplikationen. Wir befinden uns im Weltall, wo sonst, und die Rebellen von "Star Wars: Episode VIII - Die letzten Jedi" unter Prinzessin Leia (Carrie Fisher) haben am Anfang noch eine richtige Sternenkriegsflotte, die im Laufe des Filmes immer weiter dezimiert wird. Das dauert deshalb zweieinhalb Stunden, weil das Franchise über die Jahre und Prequels und Sequels und Requels und Sidequels sehr viele Charaktere angesammelt hat, die alle ihren Auftritt haben müssen. Werden sie es schaffen? Müssen sie ja, wofür hat Disney denn bitte schön vier Milliarden Dollar an George Lucas gezahlt, die müssen wieder rein!

Aber ganz so einfach ist das natürlich dann doch nicht. Spulen wir zurück, noch vor den Filmbeginn, setzen wir uns in den Kinosessel, genießen wir die Erwartung im Publikum. Der erste Blick auf einen neuen "Star Wars"-Film ist immer noch der erste Blick auf einen neuen "Star Wars"-Film. Alle sind sie gekommen, Männer und Frauen im Verhältnis 80 zu 20 (immer noch!), ein dicker Mann trägt zwei Brotbüchsen auf seinen Platz, einer kommt auf Krücken, es folgen eine Schwangere, kleine und große Experten. Während man so sitzt und sich zurücklehnt, kann man fühlen, wie die kollektive Aufregung durch die Sessellehnen in die eigenen Hände kriecht, und als sich der rote Brokat der Vorhänge langsam teilt, erfasst einen eine Ahnung, was Kino mal war, bevor es Fernsehen gab, bevor es Internet gab, als die Leinwand noch der einzige Ausweg war: Der Sternenhimmel leuchtet auf, der Schriftzug rollt nach hinten in die Galaxie. Film ab.

Die Rebellen sitzen also, mit den Bösen im Nacken, im Weltall fest. Die Lage ist ziemlich mies und wird im Laufe des Filmes immer mieser. Deprimierend wird es trotzdem nie, weil jede freie Sekunde mit charmanten Einfällen und Comic Relief aufgepäppelt wird. Beste Details: Oberbösewicht Snokes goldenen Bademantel will man sofort für seine Großtante bestellen. Neben Prinzessin Leia steht einmal eine Thermoskanne. Chewbacca wird von einer ganz besonders niedlichen Untergattung von außerirdischen Hühnchen zum Vegetarismus bekehrt. Daneben laufen circa fünfzehn Handlungsstränge gleichzeitig ab, alle, ausnahmslos alle Charaktere haben Konflikte miteinander, die zunehmend bedrohlicher werden. Alles ist voller Rückverweise und Vorwärtsverweise und Inside Jokes und alter Bekannter. Das macht erstaunlich viel Spaß, weil der Film darin durchaus selbstironisch ist: "That's a cheap trick" kommentiert etwa Luke Skywalker, als ihm einer der Droiden die altbekannte Projektion der Prinzessin von vor Urzeiten zeigt.

Zugleich merkt man, dass der aktuellen Science-Fiction irgendwie die Zukunft abhanden gekommen ist

Es gibt ein paar richtig gute Twists, die zu verraten viel zu schade wäre, und sonst Overkill von allem, was sich ein Fan so wünscht. Man müsste eigentlich mal aufs Klo. Man will nicht aufs Klo. Besonders berührend sind die Szenen Carrie Fishers; der Film endet mit einem Tribut an sie. Neben Leia das schönste Symbol in "Star Wars" ist nach wie vor das Lichtschwert: Alles, was man an Jungs- und jetzt auch Mädchenträumen in die Vergangenheit und Zukunft projizieren kann, in einem Gegenstand vereint. Dazu eine Prise Vatermord, ein wenig Manichäismus, Gut - Böse, Hell - Dunkel, ein bisschen Christentum (es muss einen Messias geben, der auch weiblich sein darf), ein auf die Machtfrage hin zugespitzter Panpsychismus (Leibniz lässt grüßen) und nicht zu vergessen ein Ritterepos. Wie in den Artusromanen wird hier das Ethos eines Standes verhandelt.

Ein anderes unverwechselbares Element, das Episode VIII aufleben lässt, ist der schlechte Zustand, in dem sich die Technik befindet: futuristischer Verfall, in gewisser Weise eine Postmoderne. Man spürt das, wenn die Rebellen in Maschinen ausschwärmen, die ihnen unter den Füßen zerfallen. Die Erzählung der Saga wirkt auch deshalb so gut, weil sie sich nicht nur der zeitlichen Verortung, sondern überhaupt jeder direkten Anbindung an unsere Welt entzieht. Trotz der Thermoskanne.

Zugleich merkt man, dass der aktuellen Science-Fiction irgendwie die Zukunft abhanden gekommen ist. Es fehlen die Utopien. Bei den alten "Star Trek"-Folgen beispielsweise, vor allem auch in "Next Generation", sind sie noch sehr präsent - als eine Art tiefe Sicherheit, vor deren Hintergrund komplexe moralische Fragen in popkulturell funktionierenden Formaten abgehandelt werden konnten. Heute wirken die glatten Sternenflottenstreber genauso Burn-out-gefährdet wie ein durchschnittlicher BWL-Student. Bei "Star Wars" ist durch die Prequel- und die Sequel-Trilogie noch ein neues Element dazugekommen - eine Art zyklisches Geschichtsbild.

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Es wiederholen sich immer die gleichen Konstellationen mit jeweils einer Generation Abstand. Man könnte witzeln: Han Solo und Prinzessin Leia haben bei der Erziehung versagt. Aber das hat noch eine subtilere Pointe. Die Geschehnisse scheinen eine Unausweichlichkeit zu haben, mythisch determiniert zu sein, sodass Erziehung gar keinen Einfluss nehmen kann - was sich etwa im Konflikt des jungen Ben Solo mit dem alten Luke Skywalker zeigt. In einer Szene haben Solo und seine Gegenspielerin Rey gleichzeitig eine Vision, die den jeweils anderen betrifft. Beide stimmen und stellen sich zugleich als falsch heraus. Beide haben keine wirkliche Wahl.

Ursprünglich war die "Star Wars"-Botschaft, dass man immer die Freiheit hat, sich auch aus der tiefsten Schuld heraus noch für das Gute zu entscheiden. Die zyklische Wiederkehr des Abfalls von der hellen Seite der Macht bildet einen Kontrast dazu, konterkariert das sogar. Ein interessantes Phänomen in einer Zeit, in der viele Menschen (jedenfalls im wohlhabenden Norden) nicht mehr an den Aufstieg aus eigener Kraft glauben, sondern von Abstiegsängsten geplagt sind, sich von unüberschaubaren politischen und wirtschaftlichen Dynamiken - und zum Teil auch bereits von undurchschaubaren "Mächten" bestimmt sehen. Wie im Naturalismus oder in der antiken Tragödie kann man jetzt auch im "Star Wars"-Universum seiner Bestimmung, seinen Deformationen nicht mehr entkommen.

Star Wars: Episode VIII - The Last Jedi, USA 2017. Regie und Buch: Rian Johnson. Kamera: Steve Yedlin. Musik: John Williams. Mit Mark Hamill, Daisy Ridley, John Boyega. Walt Disney, 155 Minuten.

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