Roman "Frühling auf dem Mond" Mitleid mit den Mammuts

So lustig wie Wladimir Kaminer und so ernsthaft wie Nabokov: Die in Berlin lebende Ukrainerin Julia Kissina hat einen tragikomischen Roman über ihre Kindheit in Kiew geschrieben - einer Stadt am Rande der sowjetischen Demenz.

Von Tim Neshitov

Julia Kissina, geboren 1966 in Kiew, hat in ihrem autobiografischen Roman "Frühling auf dem Mond" ihre Kindheit und Jugend aufgeschrieben. Da Kissina in Berlin lebt und amüsant schreiben kann, neigt man zunächst dazu, ihr Buch im Regal neben die Werke von Wladimir Kaminer zu stellen, dem wohl lustigsten Vermarkter sowjetischer Vergangenheit.

Man kann Kissina aber durchaus neben einen anderen Wladimir stellen: Nabokov. Dessen Memoirenklassiker "Erinnerung, sprich" von 1966 beginnt mit den Sätzen: "Die Wiege schaukelt über dem Abgrund. Der Menschenverstand übertönt das Geflüster des begeisterten Aberglaubens und sagt uns, dass unser Leben nur ein schwacher Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist."

Kissinas Buch beginnt mit den Sätzen: "Wir alle sitzen im Empfangssaal des Herrn und warten auf unsere Stunde. Sein Empfangssaal ist riesig, dort stehen für die Wartenden Bänke." Damit setzt die Autorin einen spielerisch-nachdenklichen Ton, der die zahlreichen tragikomischen Anekdoten in ihrem Buch zusammenhält. "Frühling auf dem Mond" ist oft bemüht lustig, das Bestreben aber, aus den eigenen Erinnerungen mehr herauszuholen als Unterhaltungsliteratur, verleiht Kissinas Buch eine Nabokovsche Dimension.

Triste Realität trifft auf schnuckelige Kinderphantasien

Kissina wuchs im Kiew der Siebzigerjahre auf, einer kosmopolitischen Stadt, in der Ukrainer, Russen, Juden, Polen, Armenier und Georgier nebeneinander lebten. Die ideologische Demenz des Systems, die auch an der Peripherie des Sowjetreichs den Alltag prägte, bekam Kissina als Kind nur begrenzt zu spüren.

Einmal wurde ihr Vater, der dem Literatenkomitee vorstand, von einem Spitzel beim KGB denunziert. Das Komitee sei eine Einrichtung gewesen, schreibt Kissina, die "die Schreiberlinge und Dissidenten mehr oder weniger erfolgreich vor der Zwangsarbeit bewahrte. (. . .) Gedämpften Gesprächen der Erwachsenen entnahm ich, dass man das Literatenkomitee auflösen würde. Mama weinte wie gewöhnlich, färbte sich mehrmals die Haare neu und erging sich in düsteren Prognosen über unsere Zukunft in der Gosse, und ich stellte mir die schmutzige Gosse schon als unser neues Zuhause vor".

Dieses triste Stück Realität schmückt Kissina mit schnuckligen Kinderphantasien aus, die dem Leser eindeutig ein Schmunzeln entlocken sollen: "Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, das Leben in der Gosse? Schließlich hatten die Urmenschen nicht mal eine Gosse und haben Jagd auf Mammuts gemacht. Auch wir werden Mammuts jagen, um nicht Hungers zu sterben. Ein würgendes Mitleid mit den armen Mammuts stieg in mir auf." Die Sache mit dem KGB geht dann überraschend gut aus, der Vater wird von einem Offizier verhört, der sich selbst als Dichter entpuppt ("Mit der Poesie kommt auch die lichte Zukunft"). Er lässt die Anzeige fallen.

Im Dienst des Gegners

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