Robbie Williams in Deutschland Pop-Rebell wird altersmilde

Robbie Williams gibt ein "Geheimkonzert" vor 10.000 Fans in der Hauptstadt - und kokettiert mit seinen grauen Haarsträhnen. Die Zuschauer vermissen eines: Robbies Hüftschwung.

Von Michael König, Berlin

Bis zu dem Obsthändler in der Gleimstraße ist die Nachricht noch nicht durchgedrungen. Fluchend verstaut er seine Ware in Kisten, räumt die Auslage auf dem Bürgersteig frei, um sie nicht dem Menschenstrom zu überlassen. Hunderte quetschen sich daran vorbei. "Was ist los? Mauer gefallen?", sagt der Händler gereizt. Ein Passant antwortet: "So ähnlich."

Ganz in der Nähe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze wird heute abermals Geschichte geschrieben: Robbie Williams gibt nach dreijähriger Bühnenabstinenz sein Comeback. Live, umsonst und draußen. Ein "Geheimkonzert" soll es werden, so ist es seit Tagen im Radio zu hören und in den Zeitungen zu lesen. So geheim, dass laut Polizeiangaben letztlich 10.000 Menschen im Mauerpark rund um die Max-Schmeling-Halle in der Kälte stehen, um dem ehemaligen Take-That-Sänger ihre Aufwartung zu machen.

Er lässt sie keine Minute länger warten als geplant: Um Punkt 16 Uhr betritt Williams die Bühne. Nein, eigentlich schlendert er. Der Popstar trägt einen langen, blauen Mantel, eine dunkelblaue Jeans und Schuhe in einem Braunton, der auf der großen Videoleinwand durchaus als rot durchgeht.

Bis hierhin ist ihm ein großer PR-Coup gelungen. Der Fernsehsender ProSieben zeichnet das Konzert auf und ist mit Werbebanden rund um die Bühne penetrant vertreten. Beinahe alle Berliner Medien sind da. Und weil die Fans Ausdauer beweisen und den Digitalzoom ihrer Fotohandys und Kameras ausreizen, werden verwackelte Mitschnitte des Geheimkonzerts schon bald im Internet auf allen Video-Seiten zu finden sein.

Die Umgebung ist eines Künstlers würdig, der nach dem Tode Michael Jacksons zumindest in Europa den Anspruch erheben darf, der neue King of Pop zu sein. Allein, Williams Auftritt passt nicht recht ins Bild.

Er singt zunächst seine neue Single "Bodies" und verfehlt zahlreiche Töne. Die Stimme wird zwar im Lauf des Konzerts immer besser, die Tanzeinlagen des Entertainers aber lassen durchgehend zu wünschen übrig: Schon beim zweiten Lied, der Ballade "Reality Killed The Video Star" vom neuen, gleichnamigen Album, setzt sich Williams lange auf den Bühnenrand. Wenn er sich bewegt, tänzelt er allenfalls wie ein angeschlagener Boxer - Max Schmeling lässt grüßen.

"Der Hüftschwung ist weg", beklagt sich ein etwas in die Jahre gekommener weiblicher Fan, die Tochter auf den Schultern tragend. Eine nebenstehende Mutter mit Kinderwagen beschwichtigt: "Er hat ja jetzt auch eine Freundin."

"Erinnert an George Clonney, oder?"

Sie soll ebenfalls in Berlin sein, berichten die einschlägigen Williams-Fachmagazine. Dort war in den vergangenen Tagen auch zu lesen, dass den Star das Lampenfieber plage. Ist das der Grund für die müden Tanzeinlagen? Die Antwort gibt der Meister selbst.

Er schäkert zwischen den Liedern - sieben werden es am Ende ingesamt gewesen sein - ausdauernd mit seinen Fans, gibt einige Brocken Deutsch zum Besten und liest aus einem Brief vor, den ein Mädchen samt Foto auf die Bühne geworfen hat. Nach dem vierten Lied, "Starstruck", wendet sich Williams an ein Kind, das mittig vor der Bühne auf den Schultern seines Vaters sitzt. "Hallo, ich bin Robbie. Könnte sein, dass deine Eltern oder Großeltern schon mal von mir gehört haben", sagt Williams.

Dann greift er sich ins dunkle Haar und präsentiert einige helle Strähnen: "Als ich das letzte Mal hier war, war ich noch nicht grau. Erinnert ein bisschen an George Clooney, oder?"

Kuscheltiere statt BHs

Es klingt tatsächlich so, als hätte der 35-Jährige nach einer langen Drogenkarriere den Pfad der Altersweisheit für sich entdeckt - wenn auch um den Preis seines Hüftschwunges. "Das ist der positive Einfluss der Freundin, keine Frage", urteilt die Fanmutter mit Kinderwagen.

Zum Abschluss singt Williams zwei alte Songs, "Angels" und "Come undone". Dazu präsentiert er eine äußerst eigenwillige Version des Moonwalks und ruft "I can feel the love" in den diesigen Berliner Abendhimmel. Während eines Solos spielt er Luftgitarre. Die Fans werfen Kuscheltiere statt BHs und Slips auf die Bühne. Williams hebt einen Stoffelefanten auf, deutet auf seine Körpermitte und fragt: "Was willst du mir damit sagen?"

Nach 40 Minuten ist das Mini-Konzert vorbei. Williams verlässt die Bühne, springt in einen VW-Bus und entschwindet. Ist das Lampenfieber besiegt? Die Plattenfirma wiegelt ab: Eine Tournee sei vorerst nicht geplant, heißt es. Und wenn doch, besteht sie womöglich aus Geheimkonzerten.

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