Internationale Pressestimmen "Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt?"

Mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" hat Günter Grass für teils extrem aufgebrachte Reaktionen gesorgt. Die Debatte um seine Israel-Kritik geht längst über Deutschland hinaus. Ein Blick in die internationale Presse.

Einen Tag nach der Veröffentlichung seines umstrittenen Israel-Gedichts - erschienen unter anderem in der Süddeutschen Zeitung und La Repubblica greift die Debatte um Günter Grass und seine Israel-Kritik um sich. Ist er gar ein Antisemit? Sein Gedicht hat eine Flut an Reaktionen ausgelöst -und die Debatte findet längst nicht mehr nur in Deutschland statt.

Günter Grass hat zunächst die Veröffentlichung seines Gedichts nicht weiter kommentiert - nun will er sich im Fernsehen äußern.

(Foto: dpa)

[] Corriere della Sera: Das rechtsliberale Mailänder Blatt schont Grass nicht: "Wer der Waffen-SS angehört hat, sollte vorsichtiger in seinen Urteilen sein. Ist es möglich, dass die iranischen Drohungen und das Vorhaben, die Atombombe zu bauen, um den Staat Israel auszulöschen, Grass nicht dazu bringen, sich an den antijüdischen Hass zu erinnern, der doch genau dieses doppelte "S" beherrschte? Ist es möglich, dass diese ganze Entrüstung des Günter Grass sich gegen die Bewaffnung des Staates Israel richtet, nie gegen den 'gängigen' Antisemitismus, der in Europa das Blutbad unter jüdischen Kindern in Toulouse preist? Ein Gedicht reicht nicht aus, um soviel Unsensibilität zu kaschieren."

[] Jediot Achronot: Der amerikanische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel geht in der meistverbreitetsten hebräischsprachigen Tageszeitung hart mit Günter Grass ins Gericht. "Ich verstehe es einfach nicht und kann es nicht begreifen. Was ist da passiert? Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?", schreibt er in einem Gastkommentar des Blatts. Der Iran werde von einem grausamen Diktator beherrscht, der wiederholt die Absicht bekundet habe, Israel zu zerstören. "Wie kann Grass denn da entscheiden, dass Israel den Weltfrieden bedroht und nicht der Iran"?, fragt der Friedensnobelpreisträger weiter. In Anspielung auf die Mitgliedschaft von Grass in der Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg fügte der 1928 in Rumänien geborene Wiesel, der Auschwitz und Buchenwald überlebte, hinzu: "Ich hätte erwartet, dass Grass angesichts seiner belasteten und problematischen Vergangenheit ein bisschen mehr Umsicht und Bescheidenheit an den Tag legen würde". In seinem "merkwürdigen" Gedicht "Was gesagt werden muss" greife Grass zudem Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen ihrer Unterstützung für Israel an und lasse sich über die Frage aus, wer Atomwaffen habe und wer nicht. "Mir ist schon klar, dass Herr Grass plötzlich meint, er habe tiefe Erkenntnisse im atomaren Bereich, aber was wollte er damit erreichen?". Er habe Grass nur einmal getroffen, und eine Freundschaft habe sich daraus nicht entwickelt, fügte Wiesel hinzu. Und das sei noch gewesen, bevor herauskam, dass Grass in der Waffen-SS war.

[] De Volkskrant: Die in Amsterdam erscheinende "Volkszeitung" kritisiert Grass in einem Kommentar: "So mancher Schriftsteller hat in seinen späteren Lebensjahren politische Gedichte verfasst, Harold Pinter zum Beispiel im Jahr 2003 aus Anlass des Irak-Krieges. (...) Günter Grass war Mitglied der Waffen-SS. Ist er eine geeignete Person, solcherart Gedichte zu schreiben? Gerade jemand, der die Uniform der Waffen-SS getragen hat, ist eine Art Erfahrungsexperte auf dem Gebiet der Bedrohung des Weltfriedens. Dass das Gedicht an sich nicht besonders gut ist, hat mit dem Genre zu tun, es ist Agitprop."

[] Die Presse: Die konservative österreichische Tageszeitung schreibt: "Wenn sich Grass schon anmaßt, moralische Instanz zu spielen, warum gerade, wenn es um Israel geht? Dieses Land ist gewiss nicht das einzige, das den 'brüchigen Weltfrieden', wie Grass pathetisch schreibt, gefährdet. Und noch gewisser werden in anderen Ländern des Nahen Ostens die Menschenrechte ärger verletzt. Grass ist freilich nicht der einzige politische Interessierte in Deutschland (und Österreich), der sich obsessiv mit Israel befasst, der einen Gutteil seines Protestpotenzials diesem Land widmet. Der - wie Grass in einer besonders perfiden Passage - dem Staat Israel vorwirft, ein Volk (diesfalls das iranische) 'auslöschen' zu wollen. Man kann an der Politik Israels einiges kritisieren. Aber als Deutscher, der noch dazu in das für den Holocaust verantwortliche Regime verflochten war, sollte man den Anstand besitzen, besonders behutsam über den Staat zu sprechen, den sich Juden aufgebaut haben. Und auch einmal einfach zu schweigen. Günter Grass hätte schweigen sollen."

[] Salzburger Nachrichten: Die österreichische Zeitung billigt Grass zwar Verdienste zu, doch sie kritisiert seine Äußerungen: "Günter Grass hat große Meriten als Literat, der sich politisch einmischt. Doch seine jüngste Intervention zeugt vor allem von politischer Inkompetenz. Der Autor verkennt die komplizierte Realität in Nahost ganz und gar. Ein iranischer Atomunterhändler hat soeben dargelegt, dass sein Land kurz vor der Bombe stehe. Wie kann Grass dann die Alarmrufe internationaler Experten als völlig unbewiesene Behauptungen abtun? Irans Präsident Ahmadinedschad hat Israel immer wieder mit der Auslöschung gedroht. Wie kann Grass das als bloßes Maulheldentum bezeichnen - obwohl er als Schriftsteller wissen müsste, wie schnell Verbalattacken in furchtbaren Krieg umschlagen können?"

[] La Repubblica: Die linksliberale römische Tageszeitung hatte am Mittwoch das Israel-kritische Gedicht von Günter Grass in italienischer Übersetzung gedruckt und gleichzeitig kritisiert. Unter der Überschrift "Manifest in Versen gegen Israel" geht die Zeitung auf zwei Seiten auf das Gedicht ("Quello che deve essere detto") des deutschen Literaturnobelpreisträgers ein. Ergänzt durch eine kritische Analyse des "Gedichts gegen Israel" zeigt sie in Fotos den Pfeife rauchenden Grass, den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in einer iranischen Atomanlage sowie das israelische Unterseeboot "Dolphin". "Günter Grass tritt wieder auf den Plan", heißt es in der Analyse der Zeitung. "Und er tut dies mit einem lyrischen Text, der dazu bestimmt ist, einen Streit auszulösen. (...). Das Ergebnis seines Gedichts besteht allein darin, ein konfuses Rauschen zu erzeugen, eine unmögliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, eine unglaubwürdige Verdrängung jener Bedrohung, die das Regime in Teheran für Jerusalem darstellt." In diesem Konflikt sei das Schweigen Europas ohrenbetäubend. "Es wird jedoch kein Gedicht sein, das Europa aus dieser Ecke herausholt. Und sicherlich nicht dieses Gedicht."