Radiohead-Frontmann Thom Yorke "Spectre" von Radiohead wäre der bessere Bond-Song gewesen

Schimpft gern aufs System, in seinem Fall das Vertriebssystem für Musik: Radiohead-Sänger Thom Yorke.

(Foto: AFP)

Doch die Macher des Films wollten das Lied nicht. Statt beleidigt zu sein, stellt die Band um Sänger Thom Yorke den wunderbar düsteren Song nun kostenlos zur Verfügung.

Von David Steinitz

"Möge die Macht mit euch sein", verkündete die britische Band Radiohead über Weihnachten auf ihrer Website. Anlass für den Gruß an die Fans war aber nicht der aktuelle "Star Wars"-Wahnsinn, sondern ein kleiner Nachtrag zum aktuellen James-Bond-Film "Spectre". Die Band habe im letzten Jahr den Auftrag bekommen, einen Titelsong für den Action-Thriller zu schreiben, wie es weiter heißt - nur sei dieser dann abgelehnt worden.

Stattdessen entschieden sich die Bond-Produzenten für die unfassbar kitschige Schnulze "Writings On The Wall" von Sam Smith. Sehr schade, denn abgesehen davon, dass dieses Lied mit seiner pathetischen Weinerlichkeit jedes Mal einen heftigen Fremdschämschauer beim Hörer auslöst, wenn es im Radio läuft, wäre die finstre Radiohead-Nummer das wildere Experiment gewesen.

Schwächliches Gewimmer

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Der Song "Spectre", den die Band nun als kostenlosen Weihnachts-Download veröffentlicht hat, fügt sich in seiner elegisch-düsteren Opulenz perfekt in das Werk des Radiohead-Frontmanns und Songschreibers Thom Yorke ein. Warum die Filmemacher sein Lied nicht wollten, erklärte er zwar nicht - aber auch die Ablehnung passt perfekt zur Karriere dieses Mannes, der seit Jahrzehnten Fans und Plattenfirmen mit einem wirklich bewundernswerten Stoizismus in den Wahnsinn treibt.

Yorke, geboren 1968 im englischen Städtchen Wellingborough, arbeitete als Sanitäter und studierte Kunst, Philosophie und Englisch, bevor er mit seiner Band Radiohead für all jene Teenager zum Idol wurde, die in den Neunzigern durch die Irrungen und Wirrungen der Pubertät wanderten. Exemplarisch für diese Zeit steht sein Überhit "Creep": ein melancholischer Abgesang aufs Außenseitertum, dessen Erfolg seinem Schöpfer selbst ein bisschen unheimlich wurde. Deshalb entsetzte Yorke die Fans des frühen Radiohead-Materials mit immer wilderen Experimenten im Laufe der Neunziger- und Nullerjahre. Weg vom gitarrenlastigen Britpop führte er die Band in immer abstrusere Klangübungen zwischen Ambient, Techno und sanften Anklängen Neuer Musik.

"Der letzte verzweifelte Furz eines sterbenden Körpers"

Wer nach den durchgerockten Neunzigern also keine Lust mehr auf die Bierproleten von Oasis hatte, der britischen Popmusik trotzdem treu bleiben wollte und außerdem für ein Studium der Geisteswissenschaften immatrikuliert war - der fühlte sich bei Radiohead genauso gut aufgehoben wie auch bei Yorkes bislang zwei Soloalben.

Parallel zum künstlerischen Umbau begann Yorke, seine Musik auch selbst zu verkaufen. Beim Radiohead-Album "In Rainbows" zum Beispiel, konnten die Fans 2007 selbst bestimmen, wie viel sie dafür bezahlen wollten. Gleichzeitig lässt er keine Gelegenheit aus, die Musikindustrie und ihre dinosaurierhaften Vertriebsstrukturen wüst zu beschimpfen. Selbst neuere Streaming-Dienste wie Spotify gehören für ihn noch zur alten Garde: "Das ist doch nur der letzte verzweifelte Furz eines sterbenden Körpers."

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