Contra Lena Meyer-Landrut. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Millionen Deutsche glauben, sie hätten einen neuen Star entdeckt, findet Ruth Schneeberger.

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Ich lasse mich gerne öffentlich steinigen für folgenden Satz: Der Hype um Lena Meyer-Landrut ist unheimlich.

Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Millionen Deutsche auf einmal glauben, sie hätten einen neuen Star entdeckt. Ja, die Abiturientin hat eine Castingshow im Fernsehen gewonnen. Ja, sie wird deshalb für Deutschland nach Oslo fliegen, um für einen weiteren Gesangswettbewerb vor der Kamera zu stehen.

Über Sympathie lässt sich schlecht streiten - aber da sie weder besonders gut singen noch tanzen kann, wird sie dort auch nicht besonders gut abschneiden. Es lohnt also nicht, sich weiterhin Illusionen über die Großartigkeit einer 19-Jährigen zu machen, vielmehr gilt es, mit ein paar Irrungen und Wirrungen aufzuräumen, die immer wieder durch die Öffentlichkeit geistern:

Lena Meyer-Landrut ist ja so natürlich.

Genau das Gegenteil ist der Fall. Da mögen sich noch so viele User oder auch Leitartikler verzückt die Äuglein reiben ob der vermeintlich "extremen Natürlichkeit" ihres Bühnenstars: Die Worte "extrem" und "natürlich" schließen sich eigentlich gegenseitig aus. Fräulein Meyer-Landrut mag für denjenigen erfrischend sein, der selten mit anderen 19-Jährigen zu tun hat, oder sie mag auf manche Menschen ungewöhnlich wirken, weil sie stets bemüht ist, als eigenständiger Mensch und auch eigenwilliges Persönchen zu erscheinen und Emotionen zu zeigen. Ihre oft affektierte, kokette Art aber steht in deutlichem Gegensatz zu der vielbeschworenen Natürlichkeit.

Sie ist durch Zufall an den Contest geraten.

Wiederum ist das Gegenteil der Fall. Wie man inzwischen weiß, hegt Lena Meyer-Landrut seit ihrem zwölften Lebensjahr den Wunsch, Schauspielerin zu werden. Sie hat auch schon mehrere Anläufe genommen, um in die Öffentlichkeit zu gelangen. Als nach dem Wettbewerb bekannt wurde, dass sie bereits in mehreren sogenannten Trash-Formaten wie der Gerichts-Show Alexander Hold und der Krimi-Serie K11 - Kommissare im Einsatz (beides Sat 1) als Laien-Darstellerin mitgewirkt hat, wurden auf Youtube eilig Videos gelöscht, und von Kritiker-Seite hieß es: Hauptsache, sie habe keine Pornos gedreht. Leider tauchten dann auch noch Oben-ohne-Bilder aus einem RTL-Filmchen auf. Spätestens seitdem sollte das Bild der unbedarften Kleinen, die eigentlich total gegen Castingshows ist und den ganzen Medienwahnsinn nicht mitmachen will, obsolet sein.

Sie ist eine Lichtgestalt der Jugend.

Die FAZ schrieb nach Bekanntwerden der Nacktszenen am 5. Mai empört: "Auch die letzte jugendliche Lichtgestalt muss in den Dreck gezogen und mit bigotten Kommentaren überzogen werden: Genüsslich bläst RTL die harmlose Doku-Soap-Szene mit einer nackten Lena Meyer-Landrut zum Skandal auf." Und ebenso genüsslich fabuliert der Autor weiter: "Dem RTL-Magazin Exklusiv haben wir nun die ersten Nacktbilder von Lena Meyer-Landrut zu verdanken, der achtzehnjährigen Abiturientin, auf deren Gesangstalent die ganze Nation beim Eurovision Song Contest setzt." Dass in dem Filmchen nicht RTL seine Brüste gezeigt hat, sondern Lena höchstselbst, kann man bei bei so viel journalistischem Eifer ja mal übersehen.

Auch die Petra ist in ihrer aktuellen Ausgabe voll des Lobes für den Jungstar: "Im Grunde wären wir alle gerne ein bisschen so wie sie: cool, authentisch, ungeheuer lässig und dabei auch noch ein bisschen verrückt." Sie sei "ein gutes Vorbild für unsere Kinder", und von ihr lasse man sich "viel lieber im Ausland vertreten als von Guido Westerwelle oder den Unterschichtenkandidaten, die sich bei DSDS bewerben, denn die können ja nicht einmal Deutsch." Ganz schön harter Tobak für eine Frauenzeitschrift. Dort scheint man seit Jahren auf Lena gewartet zu haben.

Aber seien wir doch mal ehrlich: Das Abitur in der Tasche zu haben, ist eine gute Sache. Ob man allerdings mit den Prüfungsfächern Sport und Geschichte (seit wann ist diese Kombination eigentlich erlaubt?) schon zur Bildungselite gezählt werden darf, wird man ja wohl noch fragen dürfen.

Und ja, sie unterscheidet sich von anderen Casting-Teilnehmern in einem entscheidenden Punkt: Bisher hat noch niemand während des Finales "Verdammte Scheiße!" ins Mikrofon gebrüllt - vor allem keiner, der gerade gewonnen hat. "Ich weiß nicht, das ist so verdammt krass, das ist so derbe, das ist echt ganz schön fett, das ist so fett", ließ die Lichtgestalt danach verlauten - und Millionen Zuschauer hingen "verzaubert" an ihren Lippen, und rannten in die Läden, um ein Stück ihres Glückes zu fassen zu bekommen.

Sie spricht Oxford-Englisch.

Nein, das ist kein Oxford English, was da aus ihrem Mündchen tönt, wenn sie singt, und es ist auch weder "bemerkenswert", noch "phantastisch phonetisch" (Stefan Raab), wie allseits begeistert kolportiert wird. Sie habe sich den Londoner Akzent von ihrem Englischlehrer abgeguckt, heißt es. Dass da wohl einiges schiefgelaufen ist, stellte nun ein Muttersprachler im Spiegel vom 18. Mai klar:

"Ganz im Gegensatz zu ihren eingefleischten Fans, die behaupten, ihr Akzent sei brillant, muss ich allerdings sagen: Lenas Englisch klingt wirklich, wirklich seltsam. Ihre Versuche, die von ihren Helden Adele und Amy Winehouse geliebte Straßensprache Londons zu übernehmen (die selbst wiederum ein Hybrid aus US-Slang, jamaikanischer Gangstersprache und dem Dialekt des East End ist), enden damit, dass sie sich anhört wie ein schwedischer Sprachtherapeut, der Ali G. imitiert." Soweit der britische Journalist Mark Espiner. Lena bediene sich in ihrem Sprachmix bei beiden Vorbildern und füge einen Schuss seltsamer Euromischung hinzu, die sich anhöre wie Skandinavisch - was immerhin ein "ausgeklügelter Plan" sein könne, "um die Osloer Massen für sich zu gewinnen".

Sie kommt aus gutem Hause.

Als ob das an Enthüllungen und Enttäuschungen nicht alles schon genug wäre, tritt nun auch noch ihr Vater auf den Plan - und das, obwohl es hieß, Lena halte ihr Privatleben geheim. Ausgerechnet in der Bild-Zeitung vom 12. Mai plaudert er frisch von der Leber, er habe seine Tochter nach 16 Jahren zum ersten Mal wiedergesehen - im Fernsehen. Die Familie habe er verlassen, als die Tochter zwei Jahre alt war, nun lebt er in der Nähe von Köln, verdient sein Geld im Seniorenheim, trägt Zopf, Ohrring und Lederjacke - und es war wohl doch eher sein Vater, der Diplomat war (Andreas Meyer-Landrut, inzwischen 80 Jahre alt). Das behütete Töchterchen aus Diplomatenhaushalt, von dem so gerne berichtet wurde, war Lena also nie.

Sie wird Deutschland zum Sieg verhelfen.

Google habe mittels eines Prognose-Tools errechnet, dass Lena Meyer-Landrut die Nase vorne haben werde in Oslo, verkündeten aufgeregte Medien in den vergangenen Tagen. Auch hier lohnte es sich, genauer nachzufragen, wie zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung am 20. Mai: "Derzeit erzeugt Lena in Rest-Europa das größte User-Interesse aller Kandidaten", erklärt Stefan Keuchel, Sprecher von Google Deutschland. Das System sei durch die Vorhersage von Grippewellen erprobt. Da aber in diesem Jahr erstmals eine Jury die Hälfte der Punktzahl vergibt,und das reine Interesse an einer Person nichts über Positiv- oder Negativ-Interesse aussagt, darf auch diese Vorhersage getrost angezweifelt werden. Busen- und Po-Blitzer zum Beispiel steigern, das lässt sich aus Erfahrung sagen, das reine Klickverhalten von Usern enorm.

Was also bleibt von der aufgerüschten Lenamania am Ende?

Lena Meyer-Landrut ist hübsch, sie versteht sich aufs Imitieren (Kate Nash in der Musik, Nora Tschirner im Auftritt), sie hat den unbedingten Willen, Entertainerin zu werden und offenbar die Gabe, die Massen zu begeistern. Da wird sich doch wohl noch ein Plätzchen finden lassen, irgendwo zwischen Schauspiel und Moderation.

Nur das mit dem Singen und dem Tanzen, das sollte sie sich noch mal überlegen. Und die deutschen Fans sollten prüfen, ob sie nicht ein Quentchen zu viel Hoffnung, endlich wieder stolz auf jemanden zu sein, in die junge Dame legen. Sonst könnte es am 29. Mai ein böses Erwachen geben - mitten in der Nacht.

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  1. Lena für Deutschland - gut oder schlecht?
  2. Sie lesen jetzt Lichtgestalt? Gesangstalent? Bildungselite?
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(sueddeutsche.de/rus/kar)