Piketty-Brief an Merkel Wissenschaft beraubt sich ihrer stärksten Waffe

Noch engagierter Ökonom - oder schon Aktivist? Der Franzose Thomas Piketty hat mit anderen Wirtschaftswissenschaftlern einen offenen Brief an Kanzlerin Merkel geschrieben.

(Foto: AFP)

Thomas Piketty und Jeffrey Sachs haben Angela Merkel einen offenen Brief geschrieben, wegen Griechenland. Das ist legitim. Aber nicht sehr klug.

Kommentar von Andrian Kreye

Menschen ohne Meinung gibt es nicht, das gilt auch für Journalisten, Richter und Wissenschaftler. Thomas Piketty, Jeffrey Sachs und drei weitere Schwergewichte der Wirtschaftswissenschaften sind nun aufgrund ihrer Arbeit der Meinung, dass die Wirtschaftspolitik der deutschen Regierung in der Griechenlandkrise ein Fehler war. Nicht nur das, sie habe zu einer humanitären Katastrophe geführt. "40 Prozent der Kinder leben nun in Armut, die Kindersterblichkeit schießt in die Höhe, und die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 50 Prozent", schreiben sie.

Ihre Analyse hat Gewicht. Thomas Piketty hat ein Grundlagenwerk über wirtschaftliche Ungerechtigkeit geschrieben, Jeffrey Sachs ist der führende Experte zum Thema Armut. Allerdings haben sie ihre Analyse nicht als Studie oder als Artikel verfasst, sondern als offenen Brief an Angela Merkel im Netz veröffentlicht.

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Das ist ein Mittel des politischen Aktivismus, der die Analyse dem rhetorischen Angriff unterstellt. Das ist natürlich legal, legitim und wirksam. Doch schwächen Piketty und Sachs ihre Arbeit nicht durch ein solches Manöver? Sie stellen ja politische Forderungen in den Raum: "Zusammen bitten wir Kanzlerin Merkel und die Troika dringend, eine Kurskorrektur zu erwägen."

Wissenschaft erforscht die Wirklichkeit, Politik gestaltet sie

Wissenschaftler haben sich immer wieder in die Politik eingemischt. Albert Einstein flehte 1939 US-Präsident Roosevelt an, Atomwaffen zu entwickeln, bevor die Nazis das tun. Der Brief war einer der Anstöße für das Atombombenprogramm Manhattan Project. Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges bekamen 1985 wiederum den Friedensnobelpreis. Doch mit dem Einstieg in die politische Arena beraubt sich die Wissenschaft ihrer stärksten politischen Waffe: des wissenschaftlichen Arguments.

Die Aufgaben in beiden Sphären unterscheiden sich ganz grundsätzlich. Wissenschaft erforscht die Wirklichkeit, Politik gestaltet sie. Im besten Falle ergänzen sie sich. Greift einer auf das jeweils andere Gebiet, funktioniert das Kräftespiel nicht mehr. Deswegen sollte sich Wissenschaft - ähnlich wie Recht und Journalismus - bewusst am Rande halten, um eine neutrale Instanz zu bleiben. Die Grenze zwischen wissenschaftlicher Beratung und politischer Aktion ist dabei kein Graubereich.

Wer wird ihre Arbeit noch ernst nehmen?

Wie naiv ist diese Ansicht (die hier natürlich als Meinungsartikel steht, also als ein Text, in dem eine Zeitung ihre Objektivität deutlich gekennzeichnet aufgibt)? Wissenschaftliche, juristische und journalistische Objektivität sind ähnlich idealistische Grundwerte wie Gerechtigkeit und Überwindung der Armut. Solche Werte sind selten realistisch.

Thomas Piketty und Jeffrey Sachs werden auch in Zukunft brillante Arbeit leisten. Doch wenn ihre Studien nur noch von jenen ernst genommen werden, deren Meinung sie bestätigen? Wenn gerade jene sie als politisch gefärbt ablehnen, die ihre Erkenntnisse beherzigen sollten? Dann haben sie der Welt mit ihrem offenen Brief nicht weitergeholfen.

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