"On the Road" im Kino Straße zur verlorenen Zeit

"Ich flehe, dass Sie das Buch kaufen und einen Film daraus machen" - das schrieb Autor Jack Kerouac in einem Brief an Marlon Brando, doch sein Kultbuch "On the Road" galt als unverfilmbar. Jetzt - fast 50 Jahre später - hat sich der Coppola-Clan an die Geschichte um Aufbruch und Ankommen gewagt. Und sie gewissermaßen gegen ihren eigenen Mythos verteidigt.

Von Fritz Göttler

Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick: In "On the Road" reisen der Nachwuchsschriftsteller Sal Paradie (Sam Riley, l.) und der Freigeist Dean Moriarty (Garrett Hedlund) quer durch die Vereinigten Staaten der vierziger Jahre.

(Foto: epd)

Das Ende ist herzzerreißend, einer der traurigsten Kinomomente der letzten Jahre. Dean Moriarty strolcht durch die abendlich kalten Straßen von New York, da sieht er plötzlich seinen Freund Sal Paradise aus einem Haus kommen und mit ein paar Frauen und Freunden zu einem Wagen am Straßenrand gehen. Dean ist eher abgerissen, Sal im eleganten Mantel. Dean ruft, Sal dreht sich um, bittet die andern um einen Moment Geduld, kommt auf Dean zu. Sie stehen sich kurz gegenüber - sollen sie spontan gemeinsam losziehen, so wie sie es immer gemacht hatten viele Jahre lang . . . Aber Sal winkt ab, er muss zurück, los mit den anderen.

Da ist ein trauriger Schimmer im Blick von Garrett Hedlund, der Dean spielt, traurig aber auch stolz, ein kräftiges Leuchten, das der Schleier der Müdigkeit nicht verdecken wird. Die gemeinsamen Lehr- und Wanderjahre sind unwiederbringlich zu Ende, und man weiß, dass diese alles waren, dass nun nichts mehr kommen wird.

Dean Moriarty, das ist der literarische Doppelgänger von Neal Cassady, dem Beat-Generation-Poeten, Sal Paradise ist Jack Kerouac, der ihre Geschichte erzählt hat in seinem Buch "On the Road", und die all der anderen Kumpel, von Allen Ginsberg bis William S. Burroughs. Unfilmbar, hieß es immer wieder von dem Buch, und so klang es denn auch in den Kritiken, als Walter Salles, der es trotzdem gewagt hatte, sein "On the Road" auf dem Filmfestival in Cannes zeigte. Man fand's zu soft und eklektisch, sehnte sich nach Wildheit, Anarchie, Leidenschaftlichkeit. Noch immer sieht die Filmkritik Literaturverfilmung als einen Transfer, bei dem möglichst wenig verschüttgehen darf.

Aufbruch und Ankommen bestimmen das Geschehen, in der zweiten Hälfte der Vierziger, dazwischen gibt es die Tage in den Autos auf den Fahrten über Land, quer durch die amerikanischen Ebenen, auf Ladeflächen mit Wanderarbeitern, im Hudson mit der gemeinsamen Freundin Marylou. Eine Parodie des großen amerikanischen Drive der Pioniere.

Es ist ein cooler Film, nüchtern fast

Rauchen, saufen, kiffen, ab und zu an den Tankstellen ein wenig die Lebenshaltungskosten minimieren, wie Präsident Truman es fordert, indem man aus den Zapfsäulen und Regalen klaut. Manchmal prostituiert man sich auch. Man vögelt, mal zu zweit, mal zu dritt im Bett, heiraten und dann gleich wieder die Scheidung, eine andere Frau heiraten, sie sitzen lassen mit dem kleinen Kind, später wieder zurück zu ihr. Und lesen, on the road, Joyce, Céline, Proust, und die Bücher weitergeben an die andern.

"On the Road" ist ein Kultbuch, vom Moment seiner Entstehung an, immer wieder sieht man Sal zum Stift greifen und besessen Eindrücke und Erlebnisse notieren. Für die erste Fassung hat Kerouac Papierbögen durch die Schreibmaschine gejagt und sie zu einer einzigen Rolle zusammengeklebt. 1978 hat Francis Coppola die Rechte am Buch erworben, da hat die Hippie-Generation in der Beat-Generation sich gefunden.

Eine Zeitlang war dann Gus Van Sant als Regisseur im Gespräch, nun hat Coppolas Sohn Roman, mit Unterstützung des Vaters, produziert. Acht Jahre hat Walter Salles sich mit dem Buch beschäftigt, hat es am Ende geschafft, es gegen seinen eigenen Mythos zu verteidigen. Es ist ein cooler Film, nüchtern fast, und man spürt, es ist ein kühles Buch. Keine poetische Eruption, schon Kerouac hat Jahre daran gefeilt, bevor es 1957 - entschärft - erschien.