NS-Raubkunst Görings Beute

April 1945, Berchtesgaden: Amerikanische Soldaten verladen Görings Kunstschätze.

(Foto: William Vandivert/The LIFE Picture Collection/Getty Images)

Erst raffte er Ämter, dann Kunst: Skulpturen aus Hermann Görings absurder Sammlung sind im Bayerischen Nationalmuseum in München zu sehen. Die Werke zeugen vom Kunstwahn der Nazis - und noch sind nicht alle Eigentumsrechte geklärt.

Von Ira Mazzoni

Es war eine bizarre Prozession, die für die "Wochenschau" vom 29. Juni 1945 vor laufender Kamera inszeniert wurde: Amerikanische Soldaten stapfen auf schmalen Waldpfaden talwärts zu den auf der Straße bereitstehenden Lastwagen, jeder ein Gemälde oder eine Madonna im Arm. Einer der Stahlbehelmten packt den Schweif eines hölzernen Pferdes samt dem Heiligen Georg, während sein Kamerad von der Ladefläche aus nach Kopf und Vorderläufen greifen muss, um die Skulptur - sie stammt aus dem 16. Jahrhundert - direkt neben ein riesiges Gemälde zu hieven, eine Paradiesansicht des flämischen Malers Frans Floris de Vriendt. In der folgenden Einstellung werden Eisenbahnwaggons entriegelt, sodass gleißendes Sonnenlicht auf die darin gefangene vergoldete Barockmadonna fällt.

Die Trophäenschau galt der in Berchtesgaden entdeckten Kunstsammlung des ehemaligen Reichsmarschalls Hermann Göring, lange der zweite Mann in Hitlers Diktatur. Als der Film gedreht wurde, lag die Eroberung des Obersalzbergs durch französische und amerikanische Truppen schon zwei Monate zurück, und es war zu Plünderungen und mutwilligen Zerstörungen gekommen.

Er war maßlos - auch als Kunstsammler

Den entscheidenden Hinweis auf den mit Kunst bepackten und in einem Tunnel versteckten Zug hatte Görings Kunsthändler und Kurator Walter Andreas Hofer am 9. Mai gegeben. Kurz darauf stießen die Sieger auch auf den vermauerten Abflusstunnel, der den Großteil des aus Berlin in Sicherheit gebrachten Horts barg.

Den Heiligen Georg und die barocke Madonna kann man jetzt in einem Kabinett des Bayerischen Nationalmuseums (BNM) besichtigen. Anlass bieten die aktuellen Recherchen zur Provenienz der 72 Skulpturen aus Görings Besitz, die dem Museum 1960/61 aus Staatsbesitz übereignet worden waren und, bis auf wenige Ausnahmen, mangels Qualität in den Depots lagern. Die Frage, ob es sich bei den spindeligen Ritterheiligen und den Altarfragmenten um Raubkunst handelt, kann allerdings auch nach zweijähriger Forschung in keinem Fall klar beantwortet werden.