Neues Album von Björk Warum es mehr Spaß macht, Björk zu sein, als sie sich anzuhören

Man will Björks neues Album "Utopia" wirklich lieben. Aber es ist wie der Moment beim Sex, wo man sich wünscht, dass der andere doch bitte endlich mal kommen würde, damit man schlafen kann.

Von Juliane Liebert

Das Problem mit dem neuen Björk-Album ist, dass es niemals endet. Nie. Man muss sich das mal vorstellen, da greift man als geneigter Hörer (man ist geneigt, denn Björk ist eine großartige Musikerin) nach ihrem neuem Werk "Utopia" (Embassy of Music) und lauscht. Gleich beginnt es zu rascheln und zu flattern und zu zirpen, wunderbar, denkt man sich, so experimentell wieder! Erster Track super, "Blissing Me" super, dann kommt "The Gate", die erste Single. Da wird es schon schwieriger. Im Video zu "The Gate" hat Björk eine digitale Vagina auf ihrer Brust, aus der Energieknäuel kommen, die sich in terminatorähnliche Wesen verwandeln, mit denen sie dann wiederum Sex hat. Die Musik dazu klingt nach Ambient für die Lobby eines futuristischen Björk-Museums. Viel geschwungene Linien, sehr hässliche Möbel. Irgendwo laufen Dinosaurierbabys rum. In einer Ecke steht Björk auf einem Sockel und wartet darauf, dass ein Ölscheich sie bei Christie's ersteigert. Denn Björk ist dabei, sich selbst zu musealisieren.

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Dabei bräuchte sie das gar nicht. Allein die Stimme! Es gibt wenig Sängerinnen, die so expressiv, so unmittelbar singen können und dabei ihre ästhetischen Mittel derart souverän beherrschen wie Björk. Ihre stilistischen Wandlungen waren in den späteren Jahren zwar öfter dicht an der Madonnafalle (die ist: den Underground absorbieren und zu zeitgemäßem Zombiepop verwursten), aber richtig reingetappt ist sie nie. Sie hat sich immer die Gestaltungsmacht bewahrt. Das gilt nicht nur für ihre Musik: Auch ihre visuelle Gestaltungsenergie ist bemerkenswert. Muss man ja auch erst mal aufbringen.

Warum ist jeder Track voller Insekten und Vögel und sonstigem Drecksgefleuch?

Aber jetzt in "Utopia" - nun, sagen wir es so: "Utopia" ist Björks Datingalbum. Ihr Album vorher war ihr Trennungsalbum und deswegen sehr traurig, aber inzwischen hat sie gelernt, dass sie Licht in ihr Herz lassen muss, auch wenn der Schmerz bleibt. Sagt sie. Nur warum bloß muss sie den Schmerz mit so vielen Flöten überwinden? Und warum ist jeder Track voller Insekten und Vögel und sonstigem Drecksgefleuch? Ab Track vier will man den Kammerjäger rufen, weil das Album anfängt zu jucken. Gibt's in Island keine Kammerjäger? Hallo, Kammerjäger in Island, falls ihr das zufällig lest, es gibt da ein Problem in Björks Studio.

Aber so schnell lässt sich ein wahrer Fan nicht abhalten, von ein paar Käfern doch nicht, ha, das wäre ja gelacht. Track fünf. "Body Memory". Mehr Flöten. Binnen zehn Minuten Titellänge wird aus dem zarten ersten Date ein Kampf zwischen Björks Stimme und den Beats, und man wird allmählich den Eindruck nicht mehr los, dass es ziemlich anstrengend sein dürfte, Björk zu daten. Vermutlich kommt sie zum dritten Date auf einer Libelle angeritten. Oder man wacht ab und zu auf, und sie sitzt im Kühlschrank und isst Kakerlaken. Oder unterhält sich mit ihnen. Und dann die vielen Vaginen. Es ist so schwer mit der Liebe. Man will Björks Utopia ja lieben. Entgegen allen Widerstände. Wirklich. Aber dann KOMMEN IN DER MITTE VON "FEATURES CREATURES" SCHON WIEDER FLÖTEN. Und da fragt man sich nur noch, wie man aus der Nummer wieder rauskommt, ohne ihre Gefühle zu verletzen.

Nichts gegen Avantgardismus, aber auch der muss funktionieren. Also, es gibt ja Musik, die absichtlich nervt, aber das ist hier offenbar nicht der Fall. Durch ihre Selbstinszenierung als Avantgarde verliert Björks Musik die spezifische Kraft, die Pop eigentlich hat. Auf "Utopia" wird jede Unmittelbarkeitsillusion verhindert. Das Album ist zu lang, der Künstlerin fehlt der Formwille. Kaum gehts ihr gut, packt sie ein bukolisches Großorchester aus und beschallt uns mit Matriarchatsfantasien. Und wenn man als Hörer spätestens bei Song sechs bereit ist, das Stelldichein zu beenden, stellt sich heraus: Es kommen noch acht Songs. Acht. Das Album hört nie auf. Das ist kein Date mehr, das ist der Moment beim Sex, wo man sich wünscht, dass der andere doch bitte endlich mal kommen würde, damit man schlafen kann.

Was einen trotz der so gut wie unhörbaren Platte an Björk beeindrucken kann, ist die Utopie, für die sie selbst als Gesamtkunstwerk steht. Die ist viel interessanter als ihre als Album getarnte Selbstbefreiungseruption. Man hat einfach das Gefühl, so ein Björk-Leben muss ein sehr gelungenes Leben sein. Ästhetizismus ohne Eskapismus. Stärke, die nichts Gewaltsames hat. Biobauernhof und Futurismus. In der Erde wühlen und sich in ein aseptisches Digitalwesen verwandeln. Ganz Körper und ganz Algorithmusseele sein. Ganz Mensch und ganz intergalaktisches Sphärenwesen. Nur leider ist "Utopia" wie alles, was zu gewollt Avantgarde sein will, unfassbar nervtötend. Wie Improvisationstheater. Es macht zu beinahe hundertprozentiger Sicherheit mehr Spaß, Improvisationstheater zu machen, als ihm zuzusehen. Und es macht, derzeit jedenfalls, garantiert mehr Spaß, Björk zu sein, als sie sich anzuhören.

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